Bremen - Karenin ist verheiratet, Familienvater und erfolgreich im Beruf. Aber sein privates Glück gerät ins Wanken: Seine jüngere Frau Anna verliebt sich in einen anderen und brennt mit ihm durch. Glücklich wird sie nicht. Sie genießt zwar die neue Freiheit, aber sie vermisst den Sohn, Eifersucht quält sie obendrein. Leo Tolstois berühmte Heldin weiß am Ende bekanntlich keinen anderen Ausweg als den Freitod.
Armin Petras entkleidet im Bremer Theater am Goetheplatz Tolstois Stoff in seiner schon 2008 uraufgeführten Dramatisierung weitgehend seiner historischen Bezüge und destilliert ein zeitloses Liebesdrama daraus. Mit neuer Musik des Komponisten-Duos Thomas Kürstner und Sebastian Vogel kam Petras’ Fassung von „Anna Karenina“ in Bremen nun erstmals als Musiktheater auf die Bühne.
Entstanden ist ein emotional packender, aber auch psychologisch sehr präziser Abend. Die Musik von Kürstner und Vogel arbeitet mit Motiven der Minimal Music, zitiert gelegentlich barocke Motive und spiegelt facettenreich die Seelenzustände der Figuren, deren Glück stets so schnell verrinnt, wie es entsteht.
Susanne Schuboth teilt den Raum mit einer Sperrholzwand auf, die ausschnittweise den Blick auf einen dürftigen Unterstand dahinter freigibt. Diese Wand dient zugleich als Projektionsfläche, auf der Rebecca Riedel das Geschehen mal verdoppelt, mal in atmosphärisch dichten Bildern in größere Zusammenhänge stellt: Da wird beispielsweise ein Waldmotiv zerrissen und gibt den Blick auf eine Fabrik frei. Immer wieder sehen wir Züge, was nicht nur als Vorbote von Annas Tod zu verstehen ist, sondern auch als Bild für die Lebensreise gelesen werden kann, auf der die Endstation Sehnsucht unerreichbar bleibt wie eine Fata Morgana.
Nadine Lehner in der Titelrolle ragt aus dem starken Ensemble heraus, arbeitet sich in Verzweiflung und Wahn mit strahlender Stimme und ausdrucksstarkem Spiel hinein. Patrick Zielke als gehörnter Karenin ist in düsterer Verzweiflung eine kongeniale Besetzung. Clemens Heil führt die Bremer Philharmoniker in einer zupackenden Interpretation durch die Partitur, Chor und Kinderchor leisten Beachtliches.
Begeisterter Applaus.
