London/Oldenburg - Kleinere Länder faszinieren durch ihren emotionalen Charme. Und sie weisen auch ganz handfeste Vorteile auf. Überzeugt sagt daher Isabelle van Keulen: „Dass ich in den Niederlanden als Mensch und Musikerin meine Grundlagen erhalten habe, macht mich dankbar!“

Die 50 Jahre alte Geigerin von Weltformat kann vergleichen. Sie lebt in London, besetzt eine Professur in Luzern in der Schweiz, lehrt in Oslo und spielt in allen großen Konzertsälen. Die in Delft aufgewachsene Musikerin schätzt aber noch eher die Kammermusik als die großen Reißer der Konzertliteratur. Folglich hat für sie ihr Auftritt an diesem Freitag (30. Juni, 20 Uhr) im Oldenburger Schlosssaal im Rahmen des „Musikalischen Sommers in Ostfriesland“ ein gleiches Gewicht.

„Eher den Blick nach draußen” fördere ein Land wie Holland, sagt sie. „Das stärkt die Neugier und schärft den Blick auf eine Vielfalt, wie sie nur Europa vorweist.“ Die Niederländer haben in diesem anregenden Umfeld zielstrebig musikalische Förderprogramme aufgebaut. Doch dem Trend, dass Karrieren inzwischen schneller und oft zu früh gepuscht werden, kann sich das Land auch nicht verweigern.

Weltweit schießen geigende Frauen in die Weltspitze, Janine Jansen, Julia Fischer, Baiba Skride, Isabel Faust, Vilde Frang, Carolin Widmann, Sarah Chang, Patricia Kopatschinskaja. Ob sich alle ähnlich lange wie Isabelle van Keulen auch oben halten? „Da konzentriere ich mich auf mich selbst“, sagt sie diplomatisch. „Ich habe mir meine Grundlagen langsam erarbeitet und auch Zeit bekommen, mein Repertoire aufzubauen.“

33 Jahre steht die Holländerin inzwischen auf den Bühnen. Die typische Neugier ist ihr geblieben. Zum einen entdeckt sie bei Beethoven, ihrem „Größten”, immer noch neue Facetten, findet es „unglaublich, wie originell er noch ist“. Astor Piazzolla fasziniert sie inzwischen. Sie sieht bei dem Argentinier den Begriff Tango „nur als Schirm über seine Musik, die Bach und Vivaldi fortsetzt“. In ihrem Tango-Quartett wirkt auch die Pianistin Ulrike Payer mit, die sie in Oldenburg begleitet. Für Bach lässt sie sich noch Zeit. Öffentlich hat sie seine Partiten oder Sonaten kaum gespielt. „Aber Tag für Tag komme ich ihm näher, erst einmal zu Hause“, lacht sie.

„Persönlich verpflichtet” fühlt sie sich der zeitgenössischen Musik. „Heute muss man das Neue in der Musik wie eine neue Sprache lernen”, weiß sie aus ihrem Engagement heraus. „Das ist ein spannender Denk- und Arbeitsprozess. Manchmal scheint das Publikum dieser Komplexität langsamer zu folgen.”

Die Bratsche schätzt sie besonders. „Sie bereichert mein Spiel”, erklärt sie. Natürlich, zwischen Violine und Viola zu wechseln, ist weniger ein technisches Problem als eine Frage der Mentalität. „Die Geige führt das große Wort, die Melodie. Die Bratsche festigt den Inhalt, bestimmt die Farbe, füllt die Rosinen in den Kuchen, vermittelt zwischen den Stimmen.“ Da lacht sie: „Natürlich, glänzen macht auch Spaß.” Doch der Ton der Geige klinge eben satter, wenn man auch die Klangbildung der Bratsche erkundet habe.

Wem bei Isabelle van Keulens Wohnung in London auf Klingeln nicht geöffnet wird, der muss entweder umdrehen; dann ist die Holländerin auf Reisen. Oder er geht gleich ums Haus herum in den Garten. „Ich bin eine leidenschaftliche Gärtnerin“, nickt sie. „Gartenarbeit ist für mich wie Meditation. Und fit hält sie auch.“