SILLENSTEDE - SILLENSTEDE/OBN - „Erna, der Baum nadelt!“ Ach, Du meine Güte, was nun? Erst begutachtet der Nachbar das Malheur, dann steht die ganze Straße bedauernd kopfschüttelnd in Ernas Wohnzimmer, ein Zeitungsreporter macht eine Story aus dem Weihnachtsbaum-Schicksal und ratzfatz sind auch noch ein Fernsehteam und ein Universitätsprofessor am Ort des Geschehens, um seinen Studenten in Ernas guter Stube das seltene Naturschauspiel eines nadelnden Baums zu erläutern.
Warum die Tanne nadelt, weiß kein Mensch. Warum sie plötzlich damit aufhört, ebenso wenig
Es sind heitere Geschichten wie diese, mit denen der Schauspieler Wolfgang Noack jetzt die Gäste bei der 32. Lesung im Café-Restaurant „Alte Gärtnerei“ Sillenstede auf das vorzüglichste unterhielt und auf die Adventszeit einstimmte. Es war eine Wonne, Noack zuzuhören. Mit seiner an etlichen renommierten Schauspielhäusern wie dem Ernst Deutsch-Theater, dem Thalia Theater oder am Tivoli geschulten Stimme erfüllte der Mime die ausgewählten Texte so prächtig mit Leben, dass es so noch stundenlang hätte weitergehen können.
Ob Besinnlich-Nachdenkliches wie die Geschichte einer „Nacht im Hotel“ von Siegfried Lenz, Berthold Brechts Erinnerungen an eine Weihnacht in Chicago von 1908, Gedichte von Rilke und Haußmann oder Heiteres von geradezu Loriot’scher Tragikomik – Noack verstand es, jede einzelne Geschichte mal lässig nölend oder konzentriert betont, mal leise flüsternd und mal laut aufbrausend in die richtige Tonlage zu kleiden.
Zu einem rundum gelungenen Abend trug nicht zuletzt die Küche des Hauses bei, die ihren Gästen ebenfalls Appetit auf Weihnachten machte und ein mehrgängiges Menü mit einem mit Marzipan und Rosinen gefüllten Bratapfel in Vanillesauce krönte.
Zwischen den Gängen las Noack teils bekannte und unbekannte, teils wahre oder auch unwahre Weihnachtsgeschichten. Zum Beispiel die Geschichte, in der ein frisch geschlagener Weihnachtsbaum, an dem Wild sein Revier markiert hatte, mit frisch besprühtem Kunstschnee aus der Dose im Wohnzimmer einen penetranten Geruch ausdünstet, dem weder mit Raumspray, noch mit Parfüm, sondern erst mit Zigarrenrauch beizukommen ist.
Ob mürber Teig und das alljährliche Weihnachtsplätzchen-Drama, ob Stress beim Geschenkekauf oder Bastel-Komödien von Häkel- und Laubsägearbeiten: Die Besucher spürten: Ach, Du Fröhliche. Jetzt kann es Weihnachten werden.
