Oldenburg - Der Intellektuelle, der was auf sich hält, ist ständig auf der Suche: nach sich selbst, dem Sinn des Lebens und nach Perfektion. Kein Workshop, kein Forum wird ausgelassen, um dem Ziel näher zu kommen. Bei Problemen hilft ein Therapeut oder eine Selbsthilfegruppe.
In ihrer Komödie „Alltag und Ekstase – Ein Sittenbild“ hält Rebekka Kricheldorf dem Bildungsbürgertum den Spiegel vor. Matthias Kaschig hat das Stück mit einem sicheren Händchen für groteske, ironische, bizarre und skurrile Überzeichnungen für das Oldenburgische Staatstheater inszeniert, wo es am Sonnabend im Kleinen Haus Premiere feierte. Das Publikum honorierte den gut zweistündigen Spaß und die große Spielfreude des Ensembles mit minutenlangem begeistertem Schlussapplaus.
Freies Leben
Auf einem Berg aus flauschigem Flokati diskutieren, analysieren und streiten der spätpubertierende Start-up-Unternehmer Janne (Jens Ochlast), der sich in Projekten und Konzepten verstrickt und mit seiner Vaterrolle hadert, seine Ex-Frau Katja (Lisa Jopt), die eine gute Mutter sein will und auf der Suche nach einem ganz normalen Mann ist, Jannes Mutter Sigrun (Caroline Nagel), die sich mit dem Bau eines Landhauses und dem Anbau von Gemüse selbst verwirklichen will, und Vater Günther (Thomas Birklein), der mit psychologischen und esoterischen Exkursen sein Ich aufpoliert und vom freien Leben in Papua träumt. Der Wiedererkennungswert ist groß, die Wortgefechte sind temporeich.
Hauptgesprächsthema ist River, die 13-jährige Tochter von Janne und Katja. Sie tritt nie in Erscheinung, und eigentlich will auch niemand wissen, wo sie ist. Denn Janne, Katja, Sigrun und Günther kreisen am liebsten um sich selbst.
Auf dem Mount Everest stehen derweil Gitta (Caroline Nagel in einer Doppelrolle) und Jonas (Rajko Geith) im Stau mit Hunderten von Sinnsuchenden und machen sich ihren Reim aufs Leben im Allgemeinen und ihrem eigenen im Besonderen.
Rajko Geith spielt in einer weiteren Rolle Günthers Freund Takeshi aus Japan, der die deutsche Kultur und ihre Traditionen kennenlernen möchte. Ganz oben auf seiner Liste steht das Oktoberfest. Zum Leidwesen von Janne, der letztendlich aber doch Gefallen findet am zünftigen Besäufnis.
Viele Fragen
Takeshi hat, sehr zum Vergnügen des Publikums, viele Fragen. Im perfekten japanischen Sprachduktus arbeitet er die Marotten und Selbstzweifel der anderen ab und befreit Janne schließlich mit Hilfe getrockneter Fliegenpilze und altgermanischem Hokuspokus von seinen Neurosen. Janne stellt die Arbeit an sich ein und schließt mit der Seelenklempnerei endgültig ab.
Sigrun hat da bereits den Generationenvertrag gekündigt und sich für 30 000 Euro von ihrer Verantwortung als Mutter und Großmutter freigekauft. Am Ende steht sie allein da, ebenso wie Günther, dessen Beziehung zu Takeshi in die Brüche geht. Katja flüchtet in eine neue Beziehung. Allein auf dem Mount Everest bleibt Gitta zurück, Jonas ist im Stau der Sinnsuchenden erfroren. Alles hat seinen Preis.
