Bremen - Wenn die Hörner mit absteigenden Achteln und das ganze Orchester mit heftigen Akkorden an die Tür klopfen, dann bewahrt Khatia Buniatishvili erst einmal kurz die Ruhe – ehe sie ohne Umschweife in die Vollen greift. Peter Tschaikowski setzt dann mit der einem ukrainischen Volkslied entnommenen Streicherhymne in seinem Klavierkonzert b-Moll eine der spektakulärsten Eröffnungen in der Musik. In der ausverkauften Bremer Glocke wird aus diesem Meisterkonzert ein doppeltes: Vor der Pause mit der georgischen Pianistin, im zweiten Teil mit dem Orchestre de la Suisse Romande und „Petruschka“ von Igor Strawinski.

Natürlich fordert der Klaviersatz zum Donnern heraus, zu alpenhohen Akkordschichtungen, zu den Atem raubenden rasenden Läufen, zu aufgeputschten Emotionen. Und klar, den entsprechenden Forderungen kommt Buniatishvili nach. Aber die Größe liegt woanders. Zum einen lebt ihr Spiel von der Kunst des Schattierens.

Zum anderen baut sie mit dem Orchester eine wundervolle Balance zwischen Hochspannung und Entspannung auf. Zwischen rauschhaft und feinnervig, gedankenvoll und persönlich packend geht es durch alle Seelenzustände. Jede technische, dynamische und emotionale Abstufung kitzelt sie aus dem Flügel.

Zwei Zugaben durchmessen noch einmal diese Dimension: Mit Liszt zweiter Ungarischer Rhapsodie (hier bearbeitet von Horowitz) jagt die Pianistin weniger durch die Puszta als durch den wilden Kaukasus ihrer Heimat. Mit Schuberts Ständchen kühlt sie wie mit Zauberkraft den Puls herunter.

Das in Genf ansässige Orchester, immerhin mit 112 Planstellen ausgestattet, trumpft mit der vollständigen Petruschka-Suite von 1911 ebenso spektakulär auf. Der Brite Jonathan Nott ist ein Motivationskünstler, der nicht dick aufträgt, aber seine Musikerinnen und Musiker ebenso elektrisiert wie die Hörer.

Mit rhythmischer Raffinesse und fast an üppige Bildbearbeitung heranreichende Kolorierungen treibt er dieses Eifersuchtsdrama im Rummelplatzmilieu hin und her. Zwischen gläserner und maskenhafter Kühle, fast jubelnder Gesanglichkeit, puppenhafter Kantigkeit und banaler aber anrührender Gefühligkeit. Und inmitten von klanglichem Luxus bestechen die romanischen Schweizer mit kammermusikalischer Sensibilität.

Auch dazu passt dann die feinnervige Zugabe: „Une barque sur l’ocean“ von Ravel. Ein Abend mit viel Weite und Höhe - und trotzdem viel Intimität.