Oldenburg - Das Oldenburger Unikum eignet sich bestens für politisches Kabarett: klein, eng, nah dran am (Welt-)Geschehen. Erst recht, wenn ein wortgewandter Altmeister wie Arnulf Rating auf der Bühne steht. Doch die ersten Feldbetten rumpeln im Hintergrund, das Unikum wird zum Flüchtlingslager samt Filmkulisse. „Wo gestern noch Kultur war, kommt morgen Til Schweiger“, setzt der 65-Jährige das erste Ausrufezeichen des Abends.
„Akut“ heißt das Soloprogramm, das Rating am Donnerstagabend zum Abschluss der Oldenburger Kabarett-Tage an der Universität präsentierte. Aber was heißt hier eigentlich Solo? Mit kurzem Griff zur Perücke schlüpft Rating immer wieder in andere Rollen: vom schleimig-zynischen Investor Guido Groll über den desillusionierten Journalisten Karl-Heinz Stange, den Arbeiter Kalkowski bis hin zur Krankenschwester Hedwig. Die verteilt Beruhigungsspritzen und Pillen, das Publikum hat einiges zu schlucken.
Denn Rating dreht richtig auf. In seinen roten Lackschuhen gehört er zu den Kabarettisten, die sich in der Studentenbewegung der 1960er Jahre politisierten, und das merkt man. Scharfzüngig und bissig hält er Politik und Wirtschaft, aber auch uns allen den Spiegel vor. Auch im übertragenen Sinne, da er die aktuelle Ausgabe des Nachrichtenmagazins mit dem umstrittenen Trump-Titelbild griffbereit hat. „Ich lese Zeitung“, bekennt er. Schließlich weiß er, wie es geht. „Die Smartphone-Generation wischt ja nur über die Seiten und wundert sich, dass nichts passiert.“
Dann rauscht Rating durch die Schlagzeilen des Blätterwaldes. An der Angstmacherei des Boulevard lässt er kein gutes Haar. Über die Titelzeile der Zeitung mit den Volkswagen ohne Handschuhfach amüsiert er sich köstlich: „Als wenn VW keine anderen Probleme hätte.“
Für verlogen hält Rating auch die Einsätze des Westens in den Krisengebieten dieser Welt. Dabei gehe es immer um den Schmierstoff Öl, nicht wie vorgegeben um Menschenrechte, sagt er provozierend. Vom dreckigen Öl springt er zum Saubermann Beckenbauer: Kein Wunder nach so viel Geldwäsche. Dass mit dem „hochgeschröderten“ SPD-Hoffnungsträger Martin Schulz alles besser wird, bezweifelt Rating ausdrücklich.
Als Zugabe wirft er noch ein paar Pralinen in die Runde. Das muss reichen. Damit endeten die 22. Oldenburger Kabarett-Tage. Die 23. Auflage ist in Planung. Auch wieder im Unikum, denn das mit den Feldbetten war ja nur ein Witz. Oder passend zum Zeitgeist: Vorsicht, Fake News!
