Wildeshausen - Bibbernd klettert Grant Olsen aus dem Wasser. Schlüpft aus den großen schwarzen Schwimmflossen. Seine Frau Jennifer reicht ihm eine Mütze. Sicher gäbe es angenehmere Temperaturen zum Tauchen als an diesem bewölkten, kalten Montagmorgen; Neoprenanzug hin oder her. Doch Olsen strahlt. „It’s unbelievable, amazing“ – „Es ist unglaublich, erstaunlich“, sagt er mit zitternden Lippen. Dass der 33-Jährige aus Salt Lake City, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Utah, zum Tauchen im privaten Mühlenteich des Hofs Mertens (Auetal) extra nach Wildeshausen gekommen ist, hat einen ganz besonderen Grund.
„Am 6. März 1944 hat hier ein deutscher Offizier einen amerikanischen Offizier mit seinem Flugzeug abgeschossen“, sagt Hermann Wilke von der Traditionsgemeinschaft Fliegerhorst Ahlhorn. Bei jenem Amerikaner handelte es sich um Grant M. Turley, geboren am 18. Juni 1922 in Arizona – dessen Schwester ist die Oma von Grant Olsen. „Ich bin nach ihm benannt“, sagt der 33-Jährige, „ich bin mit der Geschichte aufgewachsen. Er ist mein Held.“ Schon immer habe er das Flugzeug seines Großonkels, eine P-47 Thunderbolt, finden wollen. Der Pilot selbst wurde in Belgien beerdigt.
Seinem Kindheitstraum erheblich näher kam Olsen über den Verein „Flieger, Flugzeuge, Schicksale“. Dessen Vorsitzender Werner Oeltjebruns beschäftigt sich mit der Suche nach im Zweiten Weltkrieg abgestürzten Maschinen. 1984 gründete der Wardenburger den Verein. Von der Absturzstelle Mühlenteich weiß er schon seit 20 Jahren. „Im Internet habe ich dann ein Buch gefunden über den Piloten“, sagt er. Er rief die Verlegerin in Arizona an, die ihm erzählte, dass die Schwester von Grant M. Turley, Wanda Turley Smith, noch am Leben sei. Mit ihr führte Oeltjebruns im vergangenen Sommer ein langes Gespräch. Er bot der Familie an, dass er ihr die Absturzstelle zeigen könnte – und zu gucken, ob noch was von dem Flugzeug da sei.
„Ich hätte nie gedacht, dass das möglich wäre“, schwärmt Grant Olsen, „ich bin dem Verein ,Flieger, Flugzeuge, Schicksale‘ sehr dankbar. Ohne ihn wäre das hier nicht möglich gewesen.“
„Grant M. Turley war Farmersohn, von Kindheit an hat er Tagebücher geschrieben“, erzählt Wilke, dem Oeltjebruns von dem Absturz und der Familie erzählte, „nach seinem Tod hat seine Schwester dann weitergeschrieben.“ Dabei entstand das Buch, auf das Oeltjebruns aufmerksam wurde. Nicht nur Tagebuch-Einträge und Fotos sind in dem Buch zu sehen, sondern auch die zahlreichen Auszeichnungen, die Turley bekam, sowie Zeitungsartikel, Briefe und Skizzen der Flugzeuge.
Turley war an jenem 6. März 1944 gerade unterwegs von Duxford, Groß-Britannien, nach Berlin. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er selbst sechs Flugzeuge abgeschossen – es folgte ein siebtes an seinem eigenen Todestag.
„Vor 45 Jahren haben wir schon mal nach dem Flugzeug gesucht“, erinnert sich Gerhard Kock, Anlieger am See. Damals habe der See trocken gelegen. Der damalige Besitzer des Grundstücks hatte den Flugzeugmotor gefunden, wollte ihn bergen. „Das hat er aber nicht geschafft, weil er keine Geräte dazu hatte“, sagt Kock. Drei, vier Meter vor der Insel, die mitten im Mühlenteich thront, sei das Flugzeug eingeschlagen. „Das Einschlagloch konnte man noch sehen.“
Den Motor hat Grant Olsen zwar bis jetzt noch nicht gefunden – Oeltjebruns zufolge ist es auch nicht sicher, ob der Motor überhaupt noch im Teich liegt – dafür aber etwas anderes: „Diese Leitung hier hat etwas mit dem Kraftstoff zu tun gehabt“, sagt Jennifer Olsen und hebt bedächtig eine am Ufer abgelegte Rohrleitung auf. Sie misst gut einen Meter. „Diese Rohrleitung ist typisch für so ein Flugzeug“, sagt Wilke. Auch ein kleines, verbröseltes Stück Aluminium wurde gefunden. „Eine Verschraubung vom Flugzeug“, sagt Oeltjebruns. Neben Wilke, Jennifer und Grant Olsen gehört auch Grants Bruder John zum Suchtrupp, der das Wasser und die Insel mit Hilfe zweier Metalldetektoren und einem Boot absucht.
An diesem Dienstag will Grant Olsen die Suche im Wasser fortsetzen – „sofern er nicht erkältet ist“, sagt Jennifer Olsen.
