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NWZonline.de Nachrichten Kultur

„Cyrano“ setzt Verse unter Volldampf

04.09.2017

Oldenburg Große Nase, gedrechselte Verse, täuschende Mäntel und lose Degen – so erfreut sich das Versdrama um den romantischen Haudrauf „Cyrano de Bergerac“ einer unverbrüchlichen Beliebtheit. In der Exerzierhalle des Oldenburgischen Staatstheaters topft Regisseur Marc Becker das Klischee nun radikal um. Und siehe: Aus dem pathetischen Klassiker wird eine hochtourige Show voller poppiger Parodien. Das hohe Tempo der Quer- und Quatschverweise kam beim Premierenpublikum ausgesprochen gut an. Beckers Inszenierung benötigt lediglich vier Spieler, einige im Quadrat aufgebaute Stege (sachliche Bühne und historische Kostüme von Sandra Münchow) sowie einen Haufen Requisiten, bisweilen auch Scherzartikel. Exposition? Geschenkt, dafür hat hier niemand Zeit.

Worte platschen wie Ohrfeigen über die Rampe, getrieben von einem Wortwitz, der sich dem aufgekratzten Prinzip vom „Reim’ Dich, oder ich stech’ dich!“ fügen muss.

Die Figuren rund um den charismatischen Alexander Prince Osei als Cyrano scheinen alle unter Hochdruck zu vibrieren. Vielleicht weil sie sich auf dem Laufsteg der Welt zu präsentieren haben? Sie fallen beständig von einem Klischee ins nächste, sind Schlagersänger oder Rapper, posieren als Heuchler, Held oder Trottel.

Äußere Perfektion wird in Oldenburg mit den Mitteln der hemmungslosen Rampensau angestrebt. Und dass Osei mit dunkler Haut das Rollenklischee ein wenig bricht, schafft zudem Raum für neue Assoziationen.

Besonders dem wandlungsfähigen Jens Ochlast kommen in dieser (manchmal etwas anstrengenden) Leistungsschau die wildesten Parts zu. Vom blaublütigen Schöngeist bis zum Zwergen-Mönch ist einiges dabei. Die Regie von Marc Becker arrangiert dazu ein fintenreiches Bühnengepolter, das seinem Ensemble ziemlich viel Körpereinsatz abfordert.

Mit Leidenschaft plündert man hier den Fundus des clownesken Theatergerangels. Kaum ruft jemand „Wir brauchen etwas Atmosphäre – sonst wird das nichts mit unserer Affäre!“ schon dampft die Nebelmaschine.

Im Laufe der Handlung von 90 Minuten gewinnt die Inszenierung an Dichte. Der zu Herzen gehende Kern des Stückes leuchtet beispielsweise wunderbar auf, wenn Agnes Kammerer als Roxane sich die (vermeintlich!) zauberhaften Briefe ihres Geliebten vorlesen lässt – dieser jedoch aufgrund als somnambuler Einfaltspinsel (Johannes Lange) scheitern muss.

Wahre Liebe findet im Stück von Edmond Rostand ebenso wie in dieser Bearbeitung von Matthias Grön ja einzig in jenen Briefen statt, die der äußerlich unattraktive Cyrano als Ghost-Writer für seinen Kumpel verfasste.

Dieses Handlungsgerüst sollte allen Besucher bereits beim Besuch vertraut sein – dann steht einem vergnüglichen Theaterabend nichts im Weg.


Alle NWZ-Kritiken unter:   www.nwzonline.de/premieren 

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