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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Der Terror und das Theater

25.08.2017

Oldenburg Der Terror ist mitten unter uns, denn Regisseur Peter Hailer hat auch die Hinterbühne zum Zuschauerraum umgemünzt. So sitzen die Besucher hüben wie drüben. Die Bühne in der Mitte des Kleinen Hauses des Staatstheaters ist besenrein leer für die deutschsprachige Erstaufführung von „Utøya“.

77 Menschen hat der rechtsradikale Attentäter Anders Behring Breivik 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya kaltblütig getötet. „Wie die Fliegen“, heißt es im Drama, hat er die Kinder erschossen. Der Italiener Edoardo Erba (63) hat nun ein Schauspiel geschrieben, das sich dem Thema in 80 pausenlosen Minuten indirekt nähert: Die Gewalttat sehen wir gar nicht, aber im Schicksal von drei Paaren spiegelt sich die Katastrophe.

So wird die Spannung erhöht, auch durch die konzen­trierte Regie von Peter Hailer, der auf Videos und im Regietheater sonst übliche Aufmotzungen wohltuend verzichtet. Da hört man noch besser hin, da steigt die Spannung.

Kein Einsatzbefehl

Am stärksten beeindruckt das Paar, das seine Tochter zum Jugendtreffen auf die Insel geschickt hat. Die beiden sind ohnehin im leichten Grabenkrieg, das Bekanntwerden des Attentats führt zum Superzoff und zur Selbstzerfleischung. Malin (vorzüglich: Janine Kreß) macht ihrem Mann Gunnar (Matthias Kleinert) schlimmste Vorwürfe. Die Unsicherheit nagt an beiden, ihre Hilflosigkeit breitet sich bis ins Publikum aus, das Gunnar dann und wann auf einem Platz in einer Sitzreihe aufsucht.

Die beiden Polizisten Unni (ein wenig haspelig: Helen Wendt) und Alf (Thomas Birklein) dokumentieren das Dilemma einer unschlüssigen Polizei, also die Hilflosigkeit der Helfer, der Bürokratie, die sich in Alf manifestiert: Man habe keinen Einsatzbefehl, also greife man nicht ein. Hätte man den Attentäter früher fangen können? Besonders Unni leidet, will helfen, kann sich aber nicht durchsetzen.

Das dritte Paar sind Bruder und Schwester, Bauern. Er (Fabian Kulp) eher faul, sie (Franziska Werner) stets treibend. Beide sind, er ahnt es, sie will es lange nicht wissen, die Nachbarn von Breivik. Hätten auch sie eingreifen können? Er war misstrauisch, sie gutbürgerlich auf Abstand bedacht – mit fatalen Folgen.

Zum norwegischen Attentäter

Anders Behring Breivik (38) ist ein rechtsextremer, islamfeindlicher norwegischer Terrorist. Er beging am 22. Juli 2011 die Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya. Er wurde noch am Tag des Anschlags festgenommen und zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt – der höchsten Strafe, die das norwegische Strafrecht kennt.

Die Regie sorgt für flüssige Übergänge zwischen den Szenen und jongliert gut mit Emotionen. Die kochen oft hoch: Wir zittern mit den Eltern, ärgern uns über die Polizisten, verstehen das Bauernmädchen nicht. So transportiert das Stück auch Moral: Greift ein! Seid wachsam!

Viel Beifall

Aber ob einem Italiener wirklich auf diese Weise in einer deutschen Aufführung das „sensible Bild der norwegischen Gesellschaft“ gelingt, wie das Programmheft verspricht, stellen wir in Frage. Unabhängig von so hehren Zielen ist das Stück nicht nur gut gemeint. Es ist oft bedrückend und manchmal hart, aber nie langweilig. Es wird gewiss wirken und auf anderen Bühnen nachgespielt.

Lässt sich also Terror eher indirekt gut darstellen? Auch in Ferdinand von Schirachs Debattendrama „Terror“, das im November wieder im Großen Haus läuft (übrigens in der Regie von Hailer), wird der Terror indirekt thematisiert. Beide Stücke sind unbedingt zu empfehlen.

Viel Beifall am Ende für „Utøya“. Ideal wäre freilich eine Welt, die gar nicht erst das Material für solche Dramen liefert.


Alle NWZ-Kritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
Dr. Reinhard Tschapke
Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2060

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