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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Wenn Recht zu Rache wird

09.09.2017

Oldenburg Das deutsche Theater hat viel von seinem Zauber verloren. Aber diese Szene holt ihn ein wenig zurück: An einer Stelle verabschiedet Michael Kohlhaas seine geliebte Frau.

Schauspieler Klaas Schramm packt, umarmt und herzt Rebecca Seidel als seine liebe Lisbeth. Sekunden später erschlafft Lisbeth plötzlich in seinen Armen. Als hätte einer den Stöpsel gezogen. Als wäre die Luft aus ihr raus.

Staunend, weinend, trauernd steht er da. Kohlhaas herzt, bewegt, rüttelt, trägt seine Lisbeth. Aber die ist tot (auch wenn sie gleich noch ein wenig Kleist zitieren wird). Und das Drama des dampfigen Rächers nimmt nach soviel Herzschmerz seinen Lauf.

Das ist mal packendes Theater: Der Tod geschah laut Kleist-Novelle eigentlich woanders, im Gedränge bei einem Fürsten. Aber wie umständlich wäre das darzustellen? So wird es mit wenigen Worten und dieser Szene skizziert. Der Abend im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters ist voll solcher Ideen. Da vergisst man, dass hier eine Novelle von Heinrich von Kleist in ein 90-minütiges, pausenloses Theaterstück gegossen wurde.

Klassik schön modern ist in Mode. Aber nicht immer gut. Doch Karsten Dahlem und Marc-Oliver Krampe haben eine frische Fassung geschaffen. Dahlem führte auch Regie; er hat vor Jahren schon den Dauerbrenner „Die Leiden des jungen Werther“ im Staatstheater in Szene gesetzt.

Für den „Kohlhaas“ steckt die Regie sechs Schauspieler in heutige Kleidung. Drei Musiker (Michael Bohn, Hannes Clauss und Martin Flindt) unterstützen, gern rockig, die Darsteller auf der leicht schrägen, eher schlichten Bühne.

Mehr bedarf es offenbar nicht, um die Geschichte jenes Rosshändlers Kohlhaas aus dem 16. Jahrhundert zu illustrieren. Der muss zwei edle Reitpferde bei einem Grenzübertritt ungerechtfertigt als Pfand bei den üblen Tronkas zurücklassen.

Bei seiner Rückkehr sind die Gäule schlapp, der Knecht Herse kaputt (Fabian F. Dotz) und die Tronkas albern noch darüber wie Bolle, saufen Sachsenbräu, sind also erkennbar dekadente Typen (Jan Breustedt, Rajko Geith, Nientje C. Schwabe). Kein Wunder, dass Kohlhaas die Ärmel seines Jeanshemdes hochkrempelt und auf der Suche nach Recht die Rache findet, mit der er die Welt aus den Angeln heben möchte.

Die Rappen sind ein Bühnenhingucker. Eine große, gut bewegbare Plastik aus zwei Pferden. Sie liegen da fast lebensecht. Schramm guckt auf den Schaden, wirkt als Kohlhaas zunächst wie ein Kapitän ohne Seekarte, mutiert dann vom netten Kerl zum kernigen Anführer. Dafür zieht er sich schon mal bis auf den Schlüpfer aus oder rockt als Rosshändler an der Rampe. Macht das Sinn? Nein. Stört es? Komischerweise nicht.

Erzählung und Szene wechseln sich ab. Hier wird zitiert, dort vorgespielt. Zum Schluss verschwimmen Recht oder Unrecht, die Bühne hebt sich hinten und räumt ein wenig Krempel nach vorn. Die Welt verkehrt sich. Die Tronkas, die eben noch wie Teletubbies tanzten, gucken weinerlich. Und Kohlhaas beruhigt sich angesichts des Todes.

Kann man so klassischen Stoff verpacken? Mit Liedchen an der Rampe? Mit Videobotschaften?

Man kann. Sogar, ohne was lächerlich zu machen.

Reichlich Beifall.


Alle NWZ-Kritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
Dr. Reinhard Tschapke
Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2060

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