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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Schleudertouren der Stimmen

04.12.2017

Oldenburg Was zu Deutschland gehören soll, mag derzeit eine politisch, kulturell und kulinarisch heiß diskutierte Frage sein. Für das Teilgebiet Oldenburg hat das Staatstheater sie längst beantwortet: Die Barockoper gehört zu Oldenburg!

Nach fröhlichen Jahren mit Händel führt es jetzt Johann Adolph Hasse ins Feld. Dessen Opera seria „Siroe“ von 1733 feiert in der Fassung von 1763 im Großen Haus Premiere. Regie, Bühnenbild, Sängerensemble und das im barocken Spiel höchst artifiziell geschulte Staatsorchester glänzen fast drei Stunden mit hohem technischen Niveau, mit katapultartigen Schleudertouren der Stimmen, mit ausgesponnener Gesanglichkeit, mit Spielfreude und geradezu riesigen Gefühlen. Hasse (1699–1783) galt neben Händel als der überragende deutsche Komponist, schrieb für die Popstars seiner Zeit in ganz Europa. Die Oldenburger Ausgrabung macht diesen Rang verständlich.

Göttlicher Sachse

Trotzdem ist Hasse ruhmlos gestorben. Das war nicht nur eine Ungerechtigkeit der Geschichte. Auch das legt die Inszenierung offen. Der „Divino Sassone“, der „göttliche Sachse“, breitet die politischen Entwicklungen am persischen Hof und die Wallungen der Gefühle in langen eloquenten Rezitativen und mehrfach da capo gesungenen Arien weitschweifig aus. Dauert „Siroe“ nun ein halbes Stündchen zu lange? Oder gar eine Dreiviertelstunde?

Man sollte sich nicht vergraulen lassen. Hasses Musik wirkt lichter und aufgeräumter als die von Händel, oft auch farbiger und virtuoser. Doch ihr fehlt bei aller Spritzigkeit und gelegentlicher Tiefe die Intensität vom nachfolgenden Opernreformer Gluck – und einfach ein Hit, den man noch auf dem Heimweg summt.

Aus dem Anflug von König Cosroe entwickeln Regisseur Jakob Peters-Messer und Bühnen- und Kostümbildner Markus Meyer alle jene Utopien und Realitäten, die am Genre Barockoper derzeit so faszinieren. Cosroe lässt seine beiden Söhne Siroe und Medarse ihm und einander Treue schwören, egal, wen er zum Nachfolger bestimmen wird. Prompt nehmen alle Intrigen und Eifersüchteleien ihren Anfang. Wenn in diese Hinterhältigkeiten noch die Geliebte Emira und die Mätresse Laodice einsteigen, behält der besonnene Arasse nur schwer die Übersicht.

Zeitlose Motive

Peters-Messer bezieht sinnfällig die aktuelle Politik ein und weist die Zeitlosigkeit ihrer Handlungsmotive nach. Draußen hat ein Krieg die Welt zerstört, es toben Aufstände. Drinnen im Machtzentrum tragen die Regierenden ihre Grabenkämpfe aus, weit weg vom Volk. Meyer setzt das in Bilder um, die in ihrer Poesie und Symbolik und mit barocken Aperçus faszinieren. Geradezu empfindlich wirken sie, wenn er diese Ästhetik mit Symbolen von Krieg konfrontiert.

Dem Sextett der Sänger wird es auch im Koloraturen-Höhenrausch nicht schwindlig. Es gestaltet die Charaktere mit Stilsicherheit, Verve, Vielfalt, Innigkeit und Stimmschönheit: Philipp Kapeller (Cosroe/Tenor), Nicholas Tamagna (Siroe/Countertenor), Yulia Sokolik (Medarse), Hagar Sharvit (Emira), Myrsini Margariti (Laodice, für die erkrankte Sooyeon Lee), Martyna Cymerman (Arasse/alle Sopran).

Gastdirigent Wolfgang Katschner lässt die Barockmusik nicht knallen. Aber er lenkt sie zu allem bei Hasse schon aufkommenden Sturm und Drang. Mit dieser intensiv ausgefeilten Farbigkeit gewinnen auch viele barocke Stereotype Lebhaftigkeit. Dies ist eine Musik, in die man wohlig hineinsinken kann. Man sollte nur hübsch aufmerksam und munter bleiben.


Alle NWZ-Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 

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Staatstheater Oldenburg | Staatsorchester

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