• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

„Vollversager“ im Oldenburgischen Staatstheater

27.11.2017

Oldenburg Theaterblut wirkt immer. Also schmiert sich Katharina Shakina als Nina reichlich Blut aufs weiße Kleid und ins Gesicht. Das macht das Mädchen für Kostja (Rajko Geith), der in Tschechows „Möwe“ einen Möchtegern-Dramatiker spielt. Doch der Monolog von Kostja, den Nina mit so viel Blut und Herzblut vorträgt, fällt durch, denn Kostjas Mutter Arkadina findet ihn öde bis blöde.

Mit dieser Fiesheit sind wir auch schon mitten in der tragischen Komödie von Tschechow gelandet, in einem Geflecht aus Enttäuschung und Trostlosigkeit. „Die Möwe“ – das russische Parade-Drama aus Seufzern, Träumen und Tränen, fasziniert auch im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters.

Regisseurin Elina Finkel hat ihre ländliche russische Gesellschaft aus Vollversagern in moderner, mehrmals wechselnder Kleidung in eine verholzte Bühne gesetzt. Vorn an der Rampe wird viel gespielt, hinten steigt die Bühne zur Tribüne an – alles aus Paletten gezimmert (Bühne: Doey Lüthi), und ab und an durch einen goldenen Vorhang aus Lametta aufgehübscht. Die zehn Darsteller sind fast immer präsent, hocken einsatzbereit hinten auf der Tribüne, und überflüssige Abgänge entfallen auf diese Weise.

Neu übersetzt

Die gebürtige Ukrainerin Elina Finkel hat das Stück von 1895 neu übersetzt – in gut verständliches, ganz heutiges Deutsch. Als schön quirliger, ewig meckernder Fixstern steht Caroline Nagel als verblühende Schauspielerin Arkadina im Zentrum. Sie ist für einen Sommer mit ihrem Geliebten Trigorin (fein: Jens Ochlast), einem vielgelesenen, unglücklichen Schriftsteller, auf dem langweiligen Landgut. Ihren Sohn Kostja hält die Diva ganz klar für unbegabt, der liebt schmachtend Nina, doch die liebt Trigorin, der eigentlich nur sich selbst liebt. . . 

Das Unglück ist hier programmiert und wird fast mathematisch gründlich durchgearbeitet. Jeder möchte das sein und besitzen, was ihm unerreichbar ist. „Spießige Scheißlangweiler“, heißt es mal. Allerdings unterhalten diese öden Versager, darunter besonders Thomas Lichtenstein als alter, kranker Bruder Arkadinas, in Oldenburg prima in einer kuriosen Mixtur aus Melancholie, Humor und russischer Musik. Bis zur Pause funktioniert das.

Danach wird es eher länglich, fällt die Spannung ab. Unter anderem, weil die Regie eine Szene, in der alle, bis auf Kostja, Bingo spielen, als eine Art hängengebliebene Schallplatte anlegt. Die Szene, in der über den unglücklichen Schriftsteller Kostja palavert wird, läuft sechs, sieben Mal wortwörtlich in Wiederholung durch. Nochmal und nochmal und nochmal. Wahrscheinlich weil die Regisseurin stolz auf den Einfall war.

Gekränkte Künstlerseele

Doch ein Prinzip, auf dem man etwas viel rumreitet, gleicht einem lahmen Gaul. Also wird Kostja, der hinterm Vorhang zuhört, verständlicherweise fast verrückt. Er schnappt sich von der Souffleuse in der ersten Reihe den noch anstehenden Text, liest weinerlich den Schluss und damit den eigenen Tod vor.

Was in Erinnerung bleibt?

Ein insgesamt überzeugendes, schön spielfreudiges Ensemble. Und psychologisch faszinierende Figuren, die gewiss auch in weniger als zweieinhalb Stunden überzeugt hätten.

Dr. Reinhard Tschapke
Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2060

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.