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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Stilistischer Spagat zum Auftakt

20.04.2015

Oldenburg Tosender Applaus, stehende Ovationen – das war zum Auftakt der Internationalen Tanztage mit einer der berühmtesten Compagnien der USA nicht anders zu erwarten. Aber nach dem hymnischen Finale „Rocka My Soul“, das gleich noch einmal als Zugabe von den zwölf Tänzerinnen und Tänzern aus New York eingefordert wurde, schien das ausverkaufte Große Haus tatsächlich zu beben: tanzende Zuschauer vom Parkett bis hinauf zu den Stehplätzen unterm Dach.

Er heißt David Adrian Freeland Jr. Sein athletischer Spagat in der Luft ziert nicht nur das Festivalplakat der Tanztage, sondern auch das Programmheft. Nun gibt es den Tänzer von Ailey II, der 1974 gegründeten Juniortruppe des legendären Alvin Ailey American Dance Theaters, auch in Öl. Eine tanzbegeisterte Zuschauerin, hatte Ballettdirektor Burkhard Nemitz vorab auf der Bühne erzählt und das Bild hochgehalten, habe es mitgebracht, um es sich signieren zu lassen. Eine Autogrammjägerin der besonderen Art und ein Beispiel für die Begeisterungsfähigkeit des Publikums in Oldenburg.

Tanz-Spiritual

Den Spagat in der Luft zeigte David zwar nicht am Freitagabend, aber dafür gab es genug andere Sprünge zu sehen. Die Energie der jungen Tänzer verschiedenster Hautfarbe wirkt unglaublich ansteckend. „Virtues“ von Amy Hall Garner, das erste Stück des Abends zu der ethnisch-elegischen Chormusik von Karl Jenkins, hatte Show-Charakter, war eine harmonische Feier des Lebens und der Schönheit. Danach wurde es mit „Breakthrough“ dramatisch.

Die Choreografie von Manuel Vignoulle (2014), die zum ersten Mal in Deutschland gezeigt wurde, ist ein Ensemblestück zu den Klangexplosionen des schwedischen Filmmusikkomponisten Mikael Karlsson und gipfelt erst in einer zwölfköpfigen Flucht in donnerndem Kampfgetöse und dann in einem Mord. Oder vielleicht war es auch der Tod selbst, dem die Tänzerin in ihrem minutenlangen Kampf am Ende unterlag.

Nach der Pause schließlich das Finale mit „Revelations“ aus dem Jahr 1960: Die meisterhafte Choreografie von Alvin Ailey zur Geschichte der Schwarzen in den USA kommt zum Abschluss jedes Abends auf die Bühne.

Das Tanz-Spiritual zu Kirchenliedern, Gospels und Blues zu Ehren des Company-Gründers ist Höhepunkt und politisches Statement zugleich: ein bisschen altmodisch, ein bisschen Broadway und mit ganz viel Klasse.

Vielfalt ist Teil des Konzepts bei den Tanztagen. Und so kann man den eigenwilligen Solo-Auftritt der Kubanerin Maura Morales am Sonnabend in der Exerzierhalle getrost als Kontrastprogramm zu Ailey II bezeichnen. Wo die New Yorker nur mit Licht und Farbe arbeiten, hat die in Düsseldorf lebende Tänzerin und Choreografin als Bühnenbild eine voll ausgestattete Ein-Zimmer-Wohnung – allerdings nur in schwarzen Umrissen aufgemalt.

Ähnlich reduziert ist auch die Choreografie. Das Wort Minimal-Tanz trifft es vielleicht am besten. Er passt zur Theater-Vorlage von Franz Xaver Kroetz, der 1971 mit „Wunschkonzert“ ein Stück ohne Worte für eine Frau geschrieben hat, die in ihrer Einsamkeit ihre Sprache verloren hat. In abgehackten, verkrampften Bewegungen hat die Kubanerin dieser Frustrierten eine Körpersprache verliehen, die ihrer Leere und Entfremdung entspricht. Wartend – auf wen? – lauscht sie am Radio einer weiblichen Stimme, die nüchtern Kuss-Varianten schildert.

Klangcollage

Der Tanz von Maura Morales findet ausschließlich in Bodennähe statt, wo sie virtuos unglaubliche Dinge mit ihren Gelenken und Gliedmaßen anstellt. Dazu ertönt eine schräge Klangcollage, die bei jeder Bewegung quietschende, knarzende und schlecht geölte Scharniere suggeriert.

Nach einer Stunde endet das Konzert der unerfüllten Wünsche – ein intensives, aber verstörendes Solo, das heftigen, aber kurzen Beifall erntete.

Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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