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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Selbstzerfleischung in Stockholm

28.09.2018

Stockholm Eigentlich hätte es zu dieser Zeit schon begonnen: das Wetten, das Spekulieren, die Geheimniskrämerei. Wer könnte den Literaturnobelpreis bekommen? Denn am ersten oder zweiten Donnerstag im Oktober wird der wichtigste Literaturpreis der Welt normalerweise verkündet.

Mit ernster Miene tritt die Jury dann durch die goldverzierte Tür der Schwedischen Akademie in Stockholm – und meistens gibt es eine Überraschung. In diesem Jahr aber gehen alle Spekulationen ins Leere. Es wird keinen Literaturnobelpreis 2018 geben.

An den Kandidaten liegt es nicht. Denn ihre „Shortlist“ mit fünf Namen hatte die Jury dem Vernehmen nach schon zusammen. Das war im Frühjahr, bevor sich das so auf Würde, Ehre und Aufrichtigkeit bedachte Gremium selbst zerfleischte. Der größte Skandal seit der Gründung der Schwedischen Akademie 1786 zerstörte das Vertrauen, beschädigte den Ruf.

Es ist ein Drama in mehreren Akten. Zuerst der Vorwurf, Jean-Claude Arnault, der Ehemann von Akademiemitglied Katarina Frostenson, habe Frauen sexuell belästigt. Eine Untersuchung bestätigte „unakzeptables Verhalten in Form von unerwünschter Intimität“. Inzwischen sitzt Arnault in Untersuchungshaft. Doch damit nicht genug: Das Paar soll sich selbst Fördergelder zugeschanzt und die Namen von Nobelpreisträgern ausgeplaudert haben. Das kann angesichts der Wettgemeinde lukrativ gewesen sein.

Erst versuchte die Akademie, die Skandale kleinzureden. Dann legten namhafte Mitglieder die Arbeit nieder. Die einflussreiche Juryvorsitzende Sara Danius musste gehen. Von den einst „ehrwürdigen 18“ waren plötzlich nur noch 9 Mitglieder aktiv – so wenige, dass der sonst so zurückhaltende schwedische König Carl XVI. Gustaf seine „große Sorge“ über die Arbeitsfähigkeit der Akademie ausdrückte.

Seitdem siecht die Schwedische Akademie dahin. Man fetzt sich, langt im Wortgefecht immer wieder unter die Gürtellinie. Die Sache ist noch lange nicht vom Tisch – auch wenn im Sommer etwas Ruhe einkehrte. Die jahrhundertealten Statuten wurden um eine Loyalitätspflicht ergänzt. Kurzzeitig schien es sogar, als könnten drei passive Mitglieder zurückkehren und damit die Wahl neuer Mitglieder ermöglichen. Die „ehrwürdigen 18“ könnten zumindest wieder „18“ sein – wenn sie sich ihren Ruf auch erst wieder erarbeiten müssten. Doch die drei, Kjell Espmark, Peter Englund und Sara Danius, ruderten zurück. „Möglicherweise – möglicherweise“ könnten sie an wichtigeren Abstimmungen teilnehmen, „nichts anderes“, erklärten sie. Damit zementieren sie ihre Machtposition, denn solange die drei eine Beteiligung an Neuwahlen verweigern, können sie Druck auf verbliebene Mitglieder ausüben, die den Skandal kleinzureden versuchen.

Immerhin hat es die Akademie in all dem Wirbel geschafft, die fünf Namen auf ihrer „Frühjahrs-Shortlist“ geheim zu halten. Wer da drauf steht, könnte noch wichtig werden, denn der Preis soll 2019 nachgeholt werden. Ob dann einer der ewigen Favoriten eine Chance hat?

Ein paar Namen werden jedes Mal genannt, wenn man nach dem Literaturnobelpreis fragt. Die Kanadierin Margaret Atwood. Philip Roth. Der syrische Poet Adonis und der Israeli Amos Oz. Oder doch der Kenianer Ngugi Wa Thiong’o, den schon 2017 viele auf der Liste hatten? Auch der Japaner Haruki Murakami steht auf diesen Listen immer ganz oben.

Allerdings: Meist werden es die gehandelten Geheimfavoriten nicht.

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