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NWZonline.de Nachrichten Kultur

„Ich habe mich keinen Augenblick verbeugt“

03.12.2019

Stockholm Der Weihnachtsmarkt auf dem Stortorget vor dem Sitz der Schwedischen Akademie in Stockholm verfügt über das Maximalmaß an skandinavischer Winterbesinnlichkeit. Wenn Literaturnobelpreisträger Peter Handke am Freitag – seinem 77. Geburtstag – zur Pressekonferenz in die Akademie in der Stockholmer Altstadt kommt, dürfte dieser Platz auf seinem Weg liegen. Einen entspannten Auftritt aber darf der Österreicher nicht erwarten.

Die Debatte um die Nobelpreisvergabe an Handke hat weit über Schweden hinaus den literarischen Herbst bestimmt. Scharfe Kritik gab es nicht nur vom gebürtig aus Bosnien stammenden Schriftsteller Sasa Stanisic, dem diesjährigen Preisträger des Deutschen Buchpreises. Der Grund ist Handkes polarisierende Haltung zum Jugoslawien-Konflikt: Er hatte sich stark mit Serbien solidarisiert und nach Ansicht von Kritikern die von Serben begangenen Kriegsverbrechen bagatellisiert oder geleugnet. 2006 hielt er am Grab des gestürzten serbischen Führers Slobodan Milosevic eine Rede.

All das mündet nun in die beginnende Nobelwoche. Mit ihr ist das übliche Brimborium um die Preisträger verbunden: eine Pressekonferenz hier, eine Lesung da. Das Ganze kulminiert am 10. Dezember in einer pompösen Preisübergabe an Handke und die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk. Parallel sind Proteste gegen Handke angekündigt.

Eine Reihe von Organisationen um die Gesellschaft für bedrohte Völker forderte das Nobelkomitee der Akademie auf, Handke dazu zu bringen, sich öffentlich bei den Opfern des Völkermordes von Srebrenica und Bosnien zu entschuldigen. Wenn er dazu nicht bereit sei, solle das Komitee darauf bestehen, dass er auf den Preis verzichte.

Andere verstehen nicht, warum der Schriftsteller an den Pranger gestellt wird. In einem Offenen Brief formulierten in Österreich im November rund 120 Autoren, Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Künstler ihr tiefes Unbehagen darüber. Die Kritik an Handke habe „längst den Boden vertretbarer Auseinandersetzungen unter den Füßen verloren“, hieß es dort.

Der kritisierte Preisträger selbst gab sich vermehrt dünnhäutig. In einem Interview der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagte er, es sei um „Gerechtigkeit für Serbien“ gegangen. „Kein Wort von dem, was ich über Jugoslawien geschrieben habe, ist denunzierbar, kein einziges. Das ist Literatur“, betonte Handke. Sympathien habe er niemals für Milosevic geäußert. „Ich habe mich keinen Augenblick verbeugt, weder innerlich noch äußerlich.“

Der Zerfall Jugoslawiens zu Beginn der 1990er Jahre war mit einer Serie von äußerst blutigen Kriegen zwischen Serbien und anderen Nachfolgestaaten einhergegangen. Allein in Bosnien gab es 100 000 Tote und zwei Millionen Vertriebene. Auch wenn alle Seiten Kriegsverbrechen begingen, belegen Erkenntnisse der Zeitgeschichtsforschung sowie die Rechtssprechung des Internationalen Jugoslawien-Tribunals in Den Haag, dass die Kriege von Milosevic geplant und initiiert wurden, dass die meisten Gräuel auf das Konto seiner Kriegsmaschinerie gingen.

Bleibt bei all dem Handke-Trubel überhaupt noch Zeit, um sich auf die weitere Literaturnobelpreisträgerin zu konzentrieren? In Olga Tokarczuks Heimatland Polen ist jedenfalls nichts davon zu spüren, dass die 57-Jährige im Schatten von Handke stünde. Die Polen feiern ihre Preisträgerin, schon Stunden nach der Verkündung waren ihre bekanntesten Bücher ausverkauft.

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