Stollhamm - Über das Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen nimmt der Mensch seine Umgebung wahr. Was aber, wenn einer dieser Sinne ausfällt? Einen Eindruck, wie es sein muss, wenn die Sehfähigkeit nicht gegeben ist, konnten sich die Besucher des Kinder-Kirchentages in Stollhamm verschaffen. „Lass mich sehen…“ lautete das Thema der Veranstaltung, die alle zwei Jahre von den evangelischen Kirchengemeinden in Butjadingen, Blexen und Nordenham organisiert wird.
Rund 20 Helfer aus den beteiligten Gemeinden waren im Einsatz, um den Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren die Welt mit allen Sinnen nahe zu bringen. Mit von der Partie waren Pfarrer Joachim Tönjes aus Stollhamm, seine Kollegen Klaus Braje, Mathias Kaffka, Anke Claßen und ihr Mann, Dietmar Reumann-Claßen. Bevor es für die Mädchen und Jungen an die sechs Erlebnisstationen ging, fand ein Gottesdienst statt, in dem Pfarrer Klaus Braje aus Burhave den Kindern von der Heilung des blinden Bartimäus erzählte. Die Geschichte ist eine von sechs biblischen Blindenheilungsgeschichten.
Viele Herausforderungen
Neben dem Bemalen von Augenbinden und Topfschlagen galt es im Gemeindehaus auch mit verbundenen Augen Bilder zu malen, Gesellschaftsspiele für Blinde auszuprobieren und zum Beispiel in der 1825 entwickelten Brailleschrift für Blinde und stark Sehbehinderte zu schreiben. Bei diesem Schrifttyp werden Punktmuster in das Papier gepresst, die mit den Fingerspitzen ertastet werden können. Diese Punktschrift wird noch heute weltweit genutzt.
Der Parcours auf der Grundlage von so genannten Kim-Spielen war in mühevoller Arbeit zusammengestellt worden. Dabei kam es auch auf die Feinabstimmung der Sinnesorgane und die Merkfähigkeit an. Dominique Schellstede hatte unter anderem eine Fühlwand gebaut, in der die unterschiedlichsten Dinge aus ihrem Haushalt zum Einsatz kamen – Wattepads, Teppichbodenreste, Korken, Seilstücke und vieles mehr. Hier mussten die Kinder Gegenstände und Materialien ertasten, Geschmacksrichtungen erkennen, Geräusche und Düfte zuordnen und barfuß Untergründe wie Stroh, Watte oder Verpackungsmaterial aus Styropor durchlaufen.
Volle Konzentration
Im Laufe des Nachmittags machten wohl alle Mädchen und Jungen die Erfahrung, dass es äußerst schwierig ist, als Sehender ohne das Augenlicht auszukommen. Die Aufgaben erforderten sehr viel Konzentration und immer wieder Fingerspitzengefühl. Diese Erfahrung machte auch Pfarrer Joachim Tönjes, der mit verbundenen Augen und Wachsmalstiften ein Selbstportrait malte und hierbei auf das Erfühlen des dünnen Wachsfilms auf dem Papier v angewiesen war.
„Wann kann ich die Augenbinde wieder runter machen?“, fragten die Kinder auch bei den Gesellschaftsspielen immer wieder. Vanessa Zimmermann, deren Mutter im Alter von zwölf Jahren erblindet war, war eine der Helferinnen an dieser Station. „Das schlaucht die Kinder, und sie merken natürlich, dass sie gar nicht dafür sensibilisiert sind“, sagte sie.
Bis auf das Beseitigen von möglichen Stolperfallen habe sie als Tochter einer Nichtsehenden in ihrer Kindheit übrigens keine Unterschiede zu anderen Elternhäusern erlebt, erzählte sie. Ihre Mutter habe als pädagogische Fachkraft an einer Schule gearbeitet und auch zu Hause den Haushalt bewältigt. Ihr Vater habe in Zusammenarbeit mit einem Spieleverlag Gesellschaftsspiele für Blinde entwickelt, bei denen Folien mit Erhebungen und Magnete Verwendung fanden.
Beim abschließenden Gottesdienst zu dem auch die Eltern eingeladen waren, konnten die Kinder von ihren Erlebnissen erzählen.
