Schillig - Sie klingt wie ein ganzes Orchester, manche Register ähneln der menschlichen Singstimme und wieder andere klingen wie Streicher und Oboen: Die Fleiter-Orgel der katholischen Kirche St. Marien in Schillig stellt in der Orgellandschaft der Ostfriesischen Halbinsel eine Besonderheit dar, sagt Henning Schoon.
Denn anders als die Barockorgeln aus der Zeit zwischen 1610 und 1780, wie sie in vielen alten Kirchen auch des Wangerlands zu finden sind – sei es Hohenkirchen, Pakens oder Waddewarden – ist die Schilliger Orgel den romantischen Orgeln Frankreichs im 19. Jahrhundert nachempfunden. „Ihr Klang ist viel weicher und orchestraler – unsere Barockorgeln klingen im Vergleich härter und sonorer“, erklärt Schoon.
Doch selbst der leiseste dieser Klänge ist Dank der Kunst der Orgelbauer in der ganzen Kirche zu vernehmen.
Längeres Manual
Und auch spieltechnisch unterscheidet sich die Fleiter-Orgel von den Barock-Instrumenten: „Barocke Orgeln haben meist eine kürzere Tastatur – das Manual der Fleiter-Orgel entspricht fast dem Tastatur-Umfang eines Klaviers“, zeigt Henning Schoon.
Gebaut wurde die Orgel 1997 von Orgelbauer Friedhelm Fleiter aus Münster für die inzwischen abgerissene Kirche St. Ludgerus in Waltrop. „Vor dem Orgelbau war eine Kommission aus Orgelbauern und Sachverständigen in Frankreich unterwegs und hat sich romantische Orgeln aus der Zeit um 1880/90 angeschaut“, weiß Schoon. Anhand von Klangproben und Proben des Pfeifenmetalls versuchten die Orgel-Experten herauszufinden, wie das typisch romantische Klangbild hinzubekommen ist. „Und das ist dem Orgelbaumeister sehr gut gelungen“, sagt Schoon: Er kenne viele Instrumente, aber die Fleiter-Orgel in Schillig sei sehr individuell und charakteristisch französisch.
„Und das macht die Orgel so besonders: Sie schlägt als modernes Instrument die Brücke zurück in die französische Romantik, fügt sich überhaupt nicht in die ostfriesische Orgelkultur ein, aber bereichert sie sehr.“
Komponisten wie Bach und Buxtehude zum Beispiel würde er nicht auf der Orgel in Schillig spielen: „Das käme klanglich nicht dem gleich, was diese Komponisten erreichen wollten – wobei der ungewohnte Klang durchaus interessant wäre“, meint er. Für die Fleiter-Orgel passend seien vor allem Werke der französischen Romantiker wie Cesar Franck, Léon Boëllmann oder Charles-Marie Widor.
Angepasst an Kirche
Übrigens gibt es natürlich auch deutsche romantische Orgeln, erklärt Schoon: „Aber die klingen nicht so weich wie französische, sondern sind vom Klang her eher an die Barockorgeln angelehnt.“
Die Fleiter-Orgel war zum Einbau in die neue St. Marien-Kirche sowohl innerlich als auch äußerlich umgebaut worden: Äußerlich wurde die Orgel den hellen Farben der Kirche angepasst, Verzierungen wurden abgenommen und durch schlichtere Formen ersetzt. Doch die größeren Veränderungen fanden im Inneren statt. Denn hier galt es, 1250 Pfeifen zwischen einem Zentimeter und fünf Metern Länge neu zu stimmen. Der Raum, den die Fleiter-Orgel mit ihrem Klang in St. Marien zu füllen hat ist nämlich etwas kleiner als ihre Ursprungskirche St. Ludgerus. Daher wurde durch Anpassung des Winddrucks der Bass verstärkt und der Diskant etwas zurückgenommen.
„Ich war bereits als Kind fasziniert von Orgeln und habe schließlich mit etwa zwölf Jahren angefangen zu spielen“, erzählt Schoon. Seit 16 Jahren spielt er Orgel – unter anderem auch auf der Berner-Orgel in Sillenstede, wo Schoon aufgewachsen ist.
Inzwischen studiert er in Münster – und spielt auch dort auf Kirchenorgeln.
