Oldenburg/Hannover - Nach einer knappen halben Stunde ist an der Kastanienallee 9 in Oldenburg alles wieder vorbei. Bunte Pappschilder, vom Nieselregen aufgeweicht, lehnen an der Wand im Haus der Diakonie. Daneben liegen aufgerollte Transparente. „Zu kalt“, sagt eine Frau zwischen zwei Löffeln Erbsensuppe. Den Arbeitskampf sind die Mitarbeiter der Diakonie noch nicht gewohnt.
Mit den etwa 80 Kollegen, die am Montagnachmittag in Oldenburg demonstriert haben, ist Thomas Schwalm deshalb sehr zufrieden. „Wir kommen aus einer ganz anderen Tradition“, sagt er. Der 58-Jährige ist einer der wenigen Mitarbeiter der Diakonie im Oldenburger Land, der eine Vergangenheit in der Gewerkschaft hat. Seit 1979 arbeitet er in der Verwaltung, der Diakonie Service Zentrum Oldenburg GmbH. Gewerkschafter war er schon vorher. Heute sitzt er in der Mitarbeitervertretung.
Einen Tag vor der nächsten Runde im Ringen um einen Tarifvertrag für die rund 37 000 Beschäftigten der Diakonie Niedersachsen gab es Kundgebungen in Hannover, Braunschweig und eben in Oldenburg. Insgesamt kamen etwa 300 Mitarbeiter.
Vier Jahre ohne Ergebnis
„Ich habe mitbekommen, wie sich das entwickelt hat“, erinnert sich Schwalm an die Verhandlungen, die in der Vergangenheit geführt wurden. Am Ende sei es „ein kollektives Betteln“ gewesen. „2011 haben wir dann den Schlussstrich gezogen.“
Seitdem hat sich einiges getan. Im vergangenen Jahr hatten sich die Diakonie und „Verdi“ schließlich auf Tarifverhandlungen verständigt und einen Tarifvertrag geschlossen. Eine kleine Revolution: Schließlich galt lange der „Dritte Weg“ – ein Verfahren, bei dem die Gehälter in einer kircheninternen Kommission ausgehandelt wurden. Die jetzigen Verhandlungen laufen zum ersten Mal auf dem neuen Weg.
Doch es hakt gewaltig: Trotz der Grundsatzeinigung über die Einbindung der Gewerkschaft in die Verhandlungen bei Diakonie und Kirche steuern die seit mehr als vier Jahren laufenden Gespräche auf die Schlichtung zu.
„Ich habe das Gefühl, dass wir einen Schritt nach vorne und zwei wieder zurück machen“, sagt Annette Klausing, Gewerkschaftssekretärin bei „Verdi“. Sie führt die Verhandlungen in Hannover.
Während die meisten im Haus der Diakonie beim Nachtisch angelangt sind, sitzt Klausing an einem Konferenztisch des „Verdi“-Bezirks Weser Ems am Stau. Eine Stunde später steigt sie in den Zug nach Hannover.
„Es war ein langer Kampf, überhaupt einen Tarifvertrag abzuschließen“, sagt sie. Die Verhandlungsführung der Diakonie nennt sie „ungewöhnlich“. Das bislang letzte Angebot aus dem Januar sei schlechter als das aus dem Dezember des vergangenen Jahres. „Ich habe eigentlich keine Lust, dass sich das alles hinzieht wie Kaugummi“, sagt Klausing.
Scheitern Verhandlungen und Schlichtung, könnte ab März gestreikt werden. Eine Premiere für die Diakonie. Denn lange galt: Streiken verboten! „Das sitzt bei vielen noch immer in den Köpfen“, sagt Klausing.
Es gibt aber auch ein Gegenbeispiel: 2011 legten Angestellte des Evangelischen Krankenhauses in Oldenburg die Arbeit nieder. „Das war wie ein Eisbrecher“, sagt Schwalm. Die Klinik zeige, dass es geht – das hätten auch Landeskirche und Diakonie verstanden. Nur viele Angestellte noch nicht. „Wir sind in dienenden Berufen tätig, und das ist das Problem vieler Mitarbeiter“, sagt Thomas Schwalm. „Sie opfern sich auf bis zur Erschöpfung, bis zur Erkrankung für die ihnen anvertrauten Menschen. Aber an sich selbst, an ihre Arbeitsbedingungen, an ihre Löhne wird ganz zuletzt gedacht.“
Kleine Aktionen geplant
Schwalm nennt sich selbst scherzhaft ein „Auslaufmodell“ – dabei könnte er vielmehr Vorbild für andere Angestellte der Diakonie sein. In den vergangenen Jahren habe „Verdi“ einen großen Zulauf gehabt, die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft mache plötzlich Sinn. Außerdem sei parallel zur Belastung die Unzufriedenheit gestiegen. Trotz Fachkräftemangels seien Pflegeberufe wenig attraktiv.
Trotzdem: „Die Hemmschwelle im sozialen Bereich ist enorm hoch“, meint Annette Klausing. „Es gibt da ein sehr hohes Berufsethos.“ Daher plane man eher kleine Aktionen – wie die Kundgebung in Oldenburg. „Es gibt nichts schlimmeres, als wenn man zum Streik aufruft und keiner kommt.“
