Oldenburg/Überlingen - Martin Walser ist fleißig. Über 60 Romane, Theaterstücke und Erzählungen, darunter so prächtige wie „Ein fliehendes Pferd“ und so obsolete wie „Ohne einander“, hat er mittlerweile geschrieben. Das ist, auch für einen Autor, der am 24. März 90 Jahre alt wird, sehr viel.
Martin Walser ist kreativ. Über Jahrzehnte hinweg hat er Dynastien von Antihelden und Versagern geschaffen. Da mögen persönliche Erfahrungen mitgespielt haben, Erfahrungen als Sohn eines Gastwirts und Kohlenhändlers, dessen Existenzkämpfe über viele Jahre das Familienleben prägten.
Als Martin Walser elf war, starb der Vater. Bei Kriegsende wurde der junge Mann noch als Flakhelfer eingezogen. 1951 beendete er sein Studium mit einer Doktorarbeit über den Schriftsteller Franz Kafka. Schon 1955 bekam er den Preis der „Gruppe 47“ – das war der schriftstellerische Durchbruch.
Gern unentschlossen
Martin Walser ist ein durch und durch heimatverliebter Mensch. Von seinem Schreibtisch in Nussdorf bei Überlingen kann er in die Schweiz sehen.
Der Raum des Bodensees bildet in den meisten Büchern den Hintergrund für Geschichten um sogenannte „Weichteilmonster“. Dennoch: Walser liebt seine Verlierer (denn die meisten seiner Hauptgestalten sind Verlierer) über alles. Und er hat seinen Lesern auch immer wieder gezeigt, wie man mit Demütigungen umgeht, wie man verdrängt und schluckt und wegsteckt. Wie man Erfolglosigkeit aushält, wie man mit Machtlosigkeit fertig wird. Wie man schwankt, wie man sich verstellen muss.
Das ist immer wieder Thema seiner Prosa von „Halbzeit“ über „Brandung“, „Springender Brunnen“ oder „Ein sterbender Mann“ und zuletzt „Statt etwas oder Der letzte Rank“.
Martin Walser ist ein Freund der Seelenarbeit, besonders von Hypochondern und Empfindsamen. Selten wurde das Lied der Unentschlossenheit in der deutschen Nachkriegsliteratur dabei so schön gesungen. Natürlich kann Walser dabei auch fies sein: „Was machen deine Hämorrhoiden?“, fragt die böse Gattin ihren angegrauten Gottlieb Zürn 1988 in dem Roman „Jagd“.
Martin Walser ist immer noch sehr streitlustig. Wacker trägt der Epiker vom Bodensee sein Fähnlein bei gesellschaftlichen Diskussionen in der ersten Reihe.
1988 sorgte Walser, der auch einmal der DKP nahe stand und 1961 für die SPD trommelte, mit einer Rede für Aufsehen. In der bekannte er, sich mit der deutschen Teilung in keiner Weise abfinden zu können. Dafür wurde er – heute unvorstellbar – tüchtig gescholten.
Für Tumulte sorgend
1998 löste er dann mit seiner Dankesrede anlässlich der Friedenspreisverleihung in der Paulskirche in Frankfurt am Main die sogenannte Walser-Bubis-Debatte aus. In ihr ging es um die Einschätzung der deutschen nationalsozialistischen Vergangenheitsbewältigung im Allgemeinen und um „Auschwitz als Moralkeule“ im Besonderen.
Nach Walsers Rede war allgemein von den Anwesenden stehend applaudiert worden – mit Ausnahme des Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis. Der warf dem Schriftsteller vor, „wegsehen“ zu wollen. Später bedauerte der Schriftsteller seine Rede. Er sei auch missverstanden worden.
Martin Walser ist – in Deutschland muss man derlei betonen – trotz seiner von der Kritik anerkannten Werke ein viel gelesener Autor. Er ist ein wacher Chronist des deutschen Bewusstseins. Dass er über Jahre mehr durch politische Äußerungen als durch seine Prosa für Aufregung und Tumulte sorgte, gehört ganz gewiss zu einem Leben, das stets unangepasst war – und hoffentlich auch weiter so bleiben wird.
