STUTTGART - Man hat sie zum Ritter geschlagen, ihr sämtliche Preise der Tonträgerindustrie verliehen, sie sogar ins Gespräch um den Nobelpreis gebracht. Aber eine Ehre fehlte der Rockmusik bislang: die Aufnahme in den Kreis der ernsten Kultur, in die Runde der Klassiker.
Jetzt liegen sie da, die gelben Reclam-Heftchen. Sie sehen aus wie die Bände mit den Dramen von Shakespeare oder den Balladen von Schiller, aber diesmal steht „The Beatles“ oben drauf, „The Rolling Stones“, „Bob Dylan“. Die legendäre Universal-Bibliothek des Verlages Philipp Reclam jun., die vor 140 Jahren mit Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ startete, beschäftigt sich ab sofort auch mit populärer Musik.
Streng genommen hätten die 4,40 bis 4,80 Euro günstigen Heftchen natürlich Grün sein müssen. Gelb ist die Farbe der Originale, stünde demnach eigentlich nur den Schallplatten der Künstler zu. Erläuterungen und Interpretationen erscheinen in der Universal-Bibliothek hingegen traditionell in Grün – und nichts anderes sind die Rock-Bücher von Reclam.
Und manchmal leider nicht einmal das: Die Autoren sehen sich ins enge Korsett einer Biografie mit den bekannten dazugehörigen Anekdoten geschnürt. Entsprechend schwierig ist es für sie, dem Phänomen Beatles oder Dylan wirklich auf die Schliche zu kommen. Dylan-Biograf Heinrich Detering, Germanistik-Professor in Göttingen, wagt sich wohl noch am weitesten in die (anspruchsvolle) Interpretation vor, vernachlässigt aber quasi von Amts wegen die musikalische Komponente Dylans.
Musikjournalist Peter Kemper, den Beatles auf der Spur, müht sich da redlicher: Etwas angestrengt listet der studierte Sozialwissenschaftler und Germanist Instrumententypen auf und lobt das melodische Bassspiel Sir Paul McCartneys als stilprägend. Fast erleichtert nimmt aber auch er später den Song „Norwegian Wood“ zum Anlass, endlich die Texte in den Vordergrund zu rücken.
Kenntnisreich sind die neuen Reclam-Bücher aber allemal, unterhaltsam geschrieben zudem – und vor allem konkurrenzlos günstig.
