Oldenburg - Partituren enthalten schon mal sehr persönliche Bemerkungen. „Wahnsinn, fass mich an, Verfluchten!” kritzelte Gustav Mahler auf ein Notenblatt für seine zehnte Sinfonie. Mozart ging mit Ignaz Leitgeb, der seine vier Hornkonzerte uraufführte, spöttischer um: „A lei Signor Asino” – an Sie, Herr Esel” schrieb er über das Allegro des ersten und tituliert den wackeren Bläser zwischendurch „Bestia!“ – Rindvieh.

György Ligeti (1923–2006) kehrt dagegen den Praktiker heraus. Die Partitur zum „Poème symphonique” des Rumänen beginnt mit der Anweisung, wie man die Instrumente zu diesem Werk von 1962 beschaffen soll: „Am besten mit einem Aufruf in der Zeitung.” Den braucht es auch.

„In diesem Stadium befinden wir uns”, sagen Eckart Beinke und Michael Hagemeister lachend. Sie suchen genau 100 Metronome für den 15. Juni. Das ist das komplette Instrumentarium des um die 20 Minuten dauernden Werkes. Ligetis Partitur enthält keine einzige Note, stattdessen nur Bedienungsanweisungen für die diktatorischen Takt- und Tempomesser. Was wie ein Spleen des Komponisten scheint, bewegt nicht nur die Metronome. Ihr Klacken fügt sich nämlich zu einem faszinierenden Klangteppich. Die „Instrumente” ticken in unterschiedlichen Tempi, weben so dichte und dünne Muster, ergreifen wie ein Sog die Hörer. Man muss es wirklich erleben.

Beinke leitet das renommierte Oldenburger Oh-ton-Ensemble, das Ligetis „Poème” im Staatshochbauamt realisiert. Hagemeister koordiniert für „Klangpol” die vom Deutschen Musikrat initiierte „Lange Nacht der Musik” mit vielen Partnern an diesem 15. Juni ab 19 Uhr in der Oldenburger Peterstraße. Es ist nach „Stadtklang”, „Bahnklang” und „Landklang” seit 2009 das vierte spektakuläre regionale Projekt mit Neuer Musik – in Kirchen, Möbelhäusern, Zelten und im Freien.

In einer anderen Stadt waren vor einigen Jahren keine 100 Metronome aufzutreiben. „In Oldenburg müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn das nicht klappt”, lässt Hagemeister keine Zweifel aufkommen. „Wir haben zwischen Uni, Musikschulen und der enormen Schar der Musikliebhaber ein dichtes Netzwerk. Über die modernen Medien erreichen wir heute alle.“

Doch gerade die digitale Welt könnte das Ende von Ligetis provokantem Werk einleiten. Es erfordert nämlich zwingend mechanische Metronome. Doch diese altertümlichen Klapperkisten befinden sich gegenüber den digitalen Taktgebern längst auf dem Rückzug. Wird der 15. Juni 2013 also schon zum historischen Ereignis?