Oldenburg - Schon damals an der Uni hätten sie als Studenten viel über Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“ diskutiert. „Aber machen wollte das keiner“, erinnert sich Julia Wissert (30). So vieldeutig und perfekt sei ihnen die Konstruktion dieser „Parabel über das Leben“ erschienen, „die wie eine Kristallkugel ist, bei der man nach der Seele suchen und sich etwas Gutes überlegen muss“.

Seither sind einige Jahre vergangen. Julia Wissert ist mittlerweile Regisseurin und setzt nun Lessings Trauerspiel am Oldenburgischen Staatstheater in Szene. Auf der Bühne trifft sie dabei mit Johannes Lange und Diana Ebert zwei ehemalige Studienkollegen vom Mozarteum in Salzburg wieder, die als Prinz und Gräfin Orsina mitwirken. Am Sonnabend ist Premiere.

Den Oldenburgern ist Julia Wissert, die in Berlin lebt, keine Unbekannte. Zwei Jahre arbeitete die gebürtige Freiburgerin bereits als Regieassistentin am Staatstheater und inszenierte das Jugendstück „Haram“ in der Exerzierhalle. Für ihre Inszenierung „Der Junge in der Tür“ am Staatstheater Wiesbaden erhielt sie den renommierten Kurt-Hübner Regiepreis, den sie in drei Wochen in Empfang nehmen wird.

Bis dahin steht Lessings Trauerspiel auf ihrem Programm. Sprachlich hält sich Julia Wissert streng an Lessings Wortlaut aus dem 18. Jahrhundert. Das gefährliche Dreiecksspiel zwischen Emilia Galotti (Magdalena Höfner), ihrem Bräutigam, dem Grafen Appiani (Rajko Geith), und dem mit Gewalt um sie buhlenden Prinzen will sie in der heutigen Zeit verständlich machen.

Mit Emilia, deren Mutter Claudia Galotti (Nientje Schwabe) und der Gräfin Orsina sollen starke Frauen auf der Bühne stehen. Was die Männer betrifft, so „wollen wir sie nicht schwarz-weiß zeichnen, bürgerlich gegen willkürlich, sondern heutig, facettenreich und begehrenswert“, ergänzt Dramaturgin Daphne Ebner.

Lessings alter, teils verschachtelter Sprache begegnet die Regisseurin mit modernen Theatermitteln. Sie setzt einen Videoclip ein und arbeitet mit dem Sounddesigner Arthur Mróz. Den Spielort hat Ausstatterin Sandra Materia künstlich überhöht. In einem Gewächshaus gedeihen rosarote Pflanzen zwischen goldenen Streben. Die Kostüme sind der bevorstehenden Hochzeit entsprechend festlich angelegt.

Die Lesart des Trauerspiels will Julia Wissert am Ende den Besuchern überlassen. Diese sollen selbst entscheiden, ob sie Emilia Galotti deren bürgerliche Tugendhaftigkeit abnehmen oder sie als begehrende Lügnerin enttarnen. Eines steht für Julia Wissert fest: „Es ist ein egoistisches Drama über Machtsysteme“, sagt sie. „Und alle wollen ihren Hals retten.“ Zu den weiteren Mitwirkenden zählen Thomas Ziesch, Yassin Trabelsi, Pirmin Sedlmeir und Sven Daniel Bühler.

Das Stück „Emilia Galotti‘“ feiert am Sonnabend, 28. Februar, Premiere. Beginn ist um 20 Uhr im Kleinen Haus. Die Spieldauer beträgt etwa zwei Stunden plus Pause.