Oldenburg - Intendant Markus Müller hat zuletzt lieber einen Bogen um die Theaterkasse im Staatstheater gemacht, nur um den fragenden und bittenden Augen der Mitarbeiter zu entgehen. Nun aber hat das Warten ein Ende: Rund 8000 Tickets, inklusive 40 Festivalcards (einmal zahlen, alles sehen) für die 11. Internationalen Tanztage Oldenburg, die vom 9. bis zum 20. April 2013 stattfinden, gehen ab sofort in den Vorverkauf. Und wer nicht wie vor zwei Jahren vor dem Fliegerhorst um Karten betteln will, sollte sich sputen.
Riesige Bandbreite
Tanzfestivals gibt es viele in Deutschland, aber nur eines in dieser Größe, das die gesamte Bandbreite des zeitgenössischen Tanzes abdeckt. „Von der Neoklassik bis zum Hardcore-Konzept“, fasst Tanzchef Honne Dohrmann seine Auswahl der 18 europäischen, asiatischen und afrikanischen Compagnien und Choreografen zusammen, die mit ihren 22 Vorstellungen das gesamte Haus besetzen. Schauspiel und Oper haben in diesen zwölf Tagen entweder Pause oder Zeit für Proben.
„Wir wollen dem Tanz diese Bedeutung und dieses Gewicht geben“, betonte Müller am Donnerstag bei der Präsentation der eingeladenen Produktionen, die sich in Form und Inhalt am Leitmotiv der Spielzeit orientieren. Mit dem Wort „Aufbruch“ ist es am treffendsten umschrieben.
Eröffnet werden die Tanztage im Großen Haus mit einer Uraufführung, einem aufwendigen, spartenübergreifenden Projekt, mit dem die Choreographer in Residence, Guy Weizman und Roni Haver, gemeinsam mit der Oldenburger Tanzcompagnie, Gesangssolisten, Chor und Orchester „Romeo und Julia“ von Hector Berlioz in Szene setzen. Eine der größten Produktionen seit langem, die so emotional und bildhaft ausfallen werde wie „Airways“ auf dem Fliegerhorst, verspricht der Tanzchef.
Während es im Shakespeare-Drama noch um einen inhaltlichen Aufbruch geht, um die Liebe, die immer wieder beginnt und verliert und wieder beginnt, zeugen andere Produktionen mit neuen Formen und ungewöhnlichen Perspektiven von der Sehnsucht nach Veränderung, nach Experiment und Risiko. Etwa die schier „ungeheuerliche“ Tanzsprache des belgischen Ensembles Peeping Tom mit „32 Rue Vandenbranden“, bei der die Tänzer mitunter waagerecht über einer spektakulären Bühne zu schweben scheinen, listet Dohrmann auf, oder die Koreanerin Howool Baek, deren Körper in einem intimen, kleinen Solostück mit einer verblüffenden Bewegungssprache die Bühne füllt oder aber den Spanier Israel Galván, der an das Goldene Zeitalter des Flamenco erinnert, diesen aber zugleich ins Zeitgenössische weiterentwickelt hat.
Aufbruch in seiner existenziellen und politischen Bedeutung thematisieren die drei Tanzstücke mit afrikanischer Beteiligung. Die Compagnien kommen aus der vom Bürgerkrieg gezeichneten Republik Kongo, aus Mosambik und von der Elfenbeinküste (zusammen mit dem deutschen Künstlerduo Gintersdorfer/Klaßen). Ebenso politisch gibt sich Christoph Winkler mit seiner Studie „Baader – Choreografie einer Radikalisierung“, für die der Tänzer Martin Hansen kürzlich vom Fachmagazin „tanz“ zum Tänzer des Jahres gewählt wurde.
Rückkehr nach 25 Jahren
Daneben findet sich im Programm auch Bekanntes oder neu Aufgelegtes: Etwa das Nederlands Dans Theater 2, Dauergast des Festivals und Publikumsgarant, mit vier Produktionen, von denen zwei erst im April Premiere haben werden, und die Compagnie Ultima Vez aus Belgien, die mit ihrer halsbrecherischen, brachialen Produktion „What The Body Does Not Remember“ – grobes Schuhwerk und schwere Steine gehören zur Inszenierung – nach 25 Jahren zurückkehrt.
