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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Täuschend echt

30.04.2015

Berlin /Großräschen Das weltberühmte Gemälde „Die Geburt der Venus“ steht in Berlin-Neukölln - direkt neben einer Klempnerei. Nicht das Original von Sandro Botticelli, das in den Uffizien in Florenz hängt. Sondern eine Kopie. Fast genauso groß und der Laie würde sagen: täuschend echt.

Seit Mitte der 1980er Jahre lebt das russische Kunsttrio Eugen, Michael und Semjon Posin in Berlin. Die Brüder werden zu den bekanntesten Kunstfälschern in Deutschland gezählt. Sie arbeiten aber legal, wie sie betonen. Auf der Rückseite der Werke steht ihr Name. Mit der Bezeichnung Fälscher haben sie kein Problem, sie benutzen sie sogar selbst. „Die Auftragsliste wird immer länger und die Bilder immer größer“, berichtet Eugen Posin nach rund 30 Jahren Leben und Arbeiten in der Hauptstadt.

Woran das liegt, wisse der 67-Jährige nicht. Seine Vermutung: „Die Kunden haben riesige Häuser, sie brauchen die passenden Bilder.“ Die „Venus“ ist von einem Kunden in Spanien bestellt worden. Einige Monate hat der hagere Mann mit den halblangen lockigen grauen Haaren daran schon gearbeitet. Es wird noch einige Zeit dauern, bis das fast drei Meter breite Gemälde fertig ist. Etwa 10 000 Euro zahlt der Kunde dafür, wie Posin verrät. Das imposante Bild steht mitten in dem Kunstsalon der Brüder. Michael Posin kommt in den Raum. Er raucht, sieht sich das Werk an. Sagt nichts, geht rauchend wieder ins Nebenzimmer.

Die Räume sehen nach Vergangenheit aus. Hier wurde schon viel gemalt, viel geredet, die eine oder andere Idee geboren. Von außen ist der Kunstsalon unscheinbar. Alte Blümchengardinen hängen in den Schaufenstern.

Der Teppichboden ist an einigen Stellen verschlissen. Die alte Couch hat Risse - ein dickes schwarzes Klebeband hält die Lederstücke notdürftig zusammen. Auf dem Tisch: Wodka und viele andere Getränke. Fotos, Zeitungs- und Magazinberichte über ihre Arbeit hängen an den Wänden. Die Posins verstehen es, sich zu inszenieren. Die drei Männer tragen Jeans, kariertes Hemd oder Westen aus schwarzem Leder - auch das wirkt wie aus einer vergangenen Zeit. Auf einem Pappschild steht Rundgang. Es geht in den Keller. Überall häufen sich Verpackungsfolien, Kartons und immer wieder: Bilder, Bilder, Bilder. Die Luft steht. Aus einer früheren Ausstellung haben sie noch eine nachgebaute Gefängniszelle behalten. Darin steht ein Stalin-Gemälde.

Im Kunstsalon lächelt die „Mona Lisa“, aber auch Seerosen-Bilder von Monet und Vincent van Goghs „Caféterrasse“ sind da. „Die habe ich schon mehr als zwanzig Mal gemalt“, sagt Eugen Posin leise und mit starkem Akzent, während er auf das kopierte Gemälde zeigt. Nicht alle Bilder sind nachgeahmt. Viele Werke sind Eigenkreationen. Die drei Brüder studierten in der Sowjetunion Kunst. Seit 2001 haben sie den Berliner Kunstsalon. „Barock, Impressionismus - wir machen alles“, sagt der 66 Jahre alte Michael Posin.

Laut Bundesjustizministerium kann nach Ablauf einer Schutzfrist - 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers - ein Werk kopiert werden. Auch die Persönlichkeitsrechte erlöschen nach diesem Zeitraum. Problematisch wird es rechtlich erst, wenn diese Werke als „echt“ in den Verkehr gebracht werden. Solch ein Betrug kann dann strafrechtlich verfolgt werden. Pläne für Gesetzesänderungen in diesem Bereich gebe es derzeit nicht, sagt ein Sprecher.

Mit Kunstfälschern bringt man in erster Linie Namen wie Wolfgang Beltracchi in Verbindung. Über Jahrzehnte schleuste er Fälschungen in den internationalen Kunsthandel - Millionen verdiente er damit. 2011 wurde er zu sechs Jahren Haft im offenen Vollzug verurteilt. Bekannt ist auch Han van Meegeren, der Vermeer-Experten seiner Zeit täuschte.

Der Professor für Neuere und Neueste Kunstgeschichte an der Uni Heidelberg, Henry Keazor, spricht im Falle der Posin-Brüder nicht von Fälschungen, sondern von Kopien oder Stil-Adaptionen. „Es macht eigentlich wenig Sinn, das dann als „Fälschen“ zu bezeichnen, denn zum Fälschen gehört der Betrug, der hier ja nicht gegeben ist.“ Das sei dann eher eine Art „Werbe-Gag“.

Welches Image hat Kunstfälschen? Keazor, der ein Buch über die Geschichte der Kunstfälschung geschrieben hat, sagt: „Kleine Fälscher werden eher als Ganoven angesehen, anonyme Fälscher wie die in China werden gar nicht als Individuen betrachtet, sondern eher als Zahnräder einer großen Industrie.“ Und Fälscher wie Beltracchi ernteten eine gewisse Bewunderung.

Die Faszination am Kopieren und Fälschen sei unter anderem ein Kräftemessen. „Der Fälscher will sehen und zeigen, ob, dass und inwiefern er genauso gut ist wie der gefälschte Künstler“, erläutert Keazor. „Dazu muss er sozusagen hinter das „Geheimnis“ des gefälschten Künstlers kommen und muss sich dieses aneignen.“

Szenenwechsel: Ein kleine Stadt in Brandenburg an der Grenze zu Sachsen. Im Seehotel Großräschen (Oberspreewald-Lausitz) haben gerade die Gäste ihr Frühstück beendet, Kellner bereiten die Tische für den Mittag vor. Theoretisch könnten sie dabei ihr Kunstgeschichte-Wissen auffrischen: Überall im Hotel hängen Bilder der Posins. Geschäftsführer Gerold Schellstede ist passionierter Sammler. Er hat den drei Künstlern sogar ein eigenes kleines Museum gewidmet. Es ist im Hotel integriert.

Das „Fälschermuseum“ sei aus einer Not heraus entstanden, sagt Schellstede. „In meinem Haus war kein Platz mehr für Bilder.“ Das Museum gibt es seit 2007. Nach und nach kamen immer mehr Gemälde dazu. Heute hängen sie zum Teil in den Hotelzimmern und Fluren. Inzwischen sind es 112 Werke. Gemälde-Kopien von Rubens und Vermeer sind darunter. Auch die „Mona Lisa“ ist da.

Auf dieses Gemälde ist der 75-Jährige besonders stolz: Schellstede steht im großzügigen Treppenaufgang vor einer Kopie von Raffaels „Sixtinischer Madonna“ - einem bedeutenden Werk der italienischen Renaissance. Weitere Raffael-Kopien hat er in Auftrag gegeben und kann es offenbar kaum abwarten, bis sie im Hotel hängen. „Ich habe vor kurzem mal angerufen und nachgefragt, wie weit die Posins sind. Da hieß es dann nur kurz: „Stimmung fehlte bislang““, sagt Schellstede schmunzelnd. Dass nur Kopien von den Posins in sein Haus kommen, liege an ihrer genialen Art zu malen.

Zwischen 4000 und 5000 Besucher zieht es pro Jahr in das Museum. Interesse komme unter anderem von Schulklassen oder Kunstvereinen aus Brandenburg und Sachsen, wo in Dresden das Original der „Sixtinischen Madonna“ zu sehen ist.

Fälschermuseen sind selten. In Rheinfelden in der Schweiz gibt es ein weiteres seit 2014. Es zeigt nach eigenen Angaben rund 80 Gemälde, die legal kopiert worden sind. Von da Vinci bis Gustav Klimt. „Die Besucherzahl ist steigend“, sagt Inhaberin Yvonne Bettinger.

Wie viele Fälschungen in Deutschland auf dem Kunstmarkt derzeit im Umlauf sind, könne nicht beziffert werden, sagt der Leiter des Bereichs Kunstkriminalität beim Landeskriminalamt Berlin, René Allonge. „Es werden aber mehr Kunstfälschungen aufgedeckt als noch vor Jahren.“ Die großen Auktionshäuser arbeiteten sehr gut mit den Ermittlern zusammen. Und die technische Seite bei der Aufklärung habe sich verbessert. Anhand der Analyse von Bindemitteln, Klebstoffen oder Papieren könne man schnell eindeutige Schlüsse ziehen.

Zugleich sei das Kunstfälschen schwieriger geworden: Für viele sei es problematisch, an alte Materialien wie Farben oder Leinwände zu kommen. „Viele überwinden diese Hürde nicht“, sagt Allonge. Besonders häufig tauchten Fälschungen in Städten wie München, Köln, Berlin, Hamburg und Stuttgart auf.

Zurück im Kunstsalon in Berlin-Neukölln. Eugen Posin betrachtet erneut die „Venus“. Ob er in der Nacht daran weiterarbeiten wird, weiß er noch nicht. Zufrieden, was er bisher kopiert hat? Die Antwort ist klar: „Zufrieden wird man nie.“

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