Seeverns - Subtil, makaber, trotzdem fast alltäglich normal: So lassen sich die Kurzgeschichten charakterisieren, die Sylva Springer am Sonnabend in der gemütlich-rustikalen Hochzeitsscheune in Seeverns vorgetragen hat. Die Veranstaltung gehörte zu den Gezeiten-Kulturwochen.
Die Verfasserin der außergewöhnlichen Texte war Patricia Highsmith (1921-1995). Aus ihrem umfangreichen Oeuvre an Romanen und Kurzgeschichten hatte die Schauspielerin Sylva Springer vier typische Beiträge ausgewählt, um sie einem überschaubaren Kreis an literaturinteressierten Zuhörern vorzutragen.
Bedrohliches Juma
In der ersten von ihr präsentierten Geschichte mit dem seltsamen Titel „Leer ist das Vogelhaus“ fühlt sich Edith – eine ängstliche, durch eine selbst initiierte Fehlgeburt belastete Mittelstandsehefrau – von einem Juma bedroht. Dabei handelt es sich um ein bösartiges, lautloses, unheimlich schnelles, ihr unbekannten Tier. Nach einiger Zeit des Zweifelns nimmt auch ihr Ehemann Charles endlich dieses Wesen wahr. Was tun? Einen Kammerjäger holen oder die ungeliebte Katze des Kollegen ausleihen, um das unheimliche Tier zu beseitigen?
In kleinen alltäglichen Dialogen, Emotionen und Entscheidungssträngen wurden die Zuhörer nach und nach durch den lebendigen Vortrag von Sylva Springer in den Bann dieser eigenartigen Welt jenes an sich völlig unauffälligen Paares gezogen. Die innere Dramaturgie der kleinen Schritte ließ die aufmerksamen Zuhörer stets nach einem Weiter verlangen.
Das Ende der Geschichte: Das Juma ist getötet, aber nicht identifiziert. Die unsympathische, an die Besitzer zurückgegebene Katze kommt wieder, um sich bei Edith und Charles einzunisten. Und – welch ein Schreck – ein neues Juma tritt in das Leben dieses alltäglichen Paares und sorgt für ein bedrückendes Gefühl.
Lange konnte sich die gedrückte Stimmung an diesem Nachmittag allerdings nicht halten. Denn Werner Schwarz am Akkordeon und Rüdiger Schulz an den Saxophonen intonierten gleich nach dieser eigenwilligen Geschichte mitreißende, rhythmisch prägnante und gleichzeitig schmachtende Tangos, so dass sich so manch ein Zuhörer entspannt bei einer Tasse Tee zurücklehnen konnte.
Weit ab vom Mainstream
Die drei weiteren vorgetragenen Kurzgeschichten hießen „Die schweigende Schwiegermutter“, „Die Künstlerin“ und „Die Tänzerin“. Sie sensibilisierten das Publikum immer mehr für die schriftstellerischen Eigenheiten der nicht im literarischen Mainstream beheimateten Autorin.
Dankbarer und anerkennender Applaus für einen spannenden, interessanten und lebendigen Nachmittag beschloss das etwa zweistündige Programm. Aber nicht für alle. Einige Gäste nutzten noch gerne das Angebot, einer weiteren Geschichte lauschen zu könne. Sie schilderte das Schicksal von Rodolphe und seinen sich exzessiv vermehrenden Schnecken.
