Oldenburg - Musikalische Experimente vor 4000 Zuschauern? Doch, das geht. Der Kultursommer leistet sich bisweilen auch mal Extravagantes, und weil „wir seit Jahren nichts mehr hatten mit Elektronik“ (so Musikchef Andreas Holtz), gab es am Mittwochabend eben hohe Voltzahlen aus wattstarken Lautsprechern. Der schottische Electronics-Zauberer Tom Leah stand mit seiner Band Werkha im Mittelpunkt des Geschehens.
Und weil’s gut reinpasste ins Experimentieren, gab es als Vorgruppe noch Sea & Air, ein deutsch-griechisches „Ghost Pop“-Duo, dessen Gespenster kaum Furcht einjagten. Die Oldenburger staunten eher über die schräg-schrillen Töne, die Eleni Zafiriadou ihren Saiteninstrumenten entlockte und die von Ehemann Daniel Benjamin trefflich mit Gesang, Gitarre und Schlagzeug geerdet wurden. Das Experiment Sea & Air hielt sich so in überschaubaren Grenzen, die bekannten Strukturen eines Popsongs wurden trotz ungewöhnlicher Instrumentenwahl nie verlassen.
Grenzen, die Werkha anschließend mit Leichtigkeit überwand. Angeführt von Tom Leah, der mit allerlei elektronischen Tasteninstrumenten und Gitarre die Richtung ins freie Feld der Neutöner vorgab, wussten auch Alan Keary (Bass, Computer) und Matt Davies (Schlagwerk, Samples-Einspielungen) den Kurs zu halten. Wichtig bei aller Technik auf der Bühne war Soundtechniker Dom Morris, der für diverse Effekte zur rechten Zeit in einem Song verantwortlich war.
Wobei das Wort „Song“, also Lied, nicht unbedingt zielführend ist bei der Musik von Werkha. Die freie Form, die die vielfältigen Anwendungen der Elektronics den Künstlern bietet, führte Werkha zu Jazz, Techno, ja ganz kurz auch Rock – und schließlich sogar zu modernem Soul. Dafür war aber kein Roboter verantwortlich, das Gefühl ins kalt-organisierte Summen und Zirpen brachte Sängerin Bryony Jarman-Pinto. Ihre glockenklare Stimme passte ideal zum Electronics-Beat der musikalischen Ingenieure, holte die kopflastige Musik auf den Boden des Pop zurück.
Und die Lieder mit Sängerin bewiesen unvermittelt, wie vielseitig Tom Leah als Komponist ist. Da hatte er eben noch sein 15-minütiges Solo „Tempo Tempo“ absolviert und dabei alle Register programmierter Live-Musik gezogen, schon verwandelte er sich zum funkigen Gitarristen, der Bryony Jarman-Pinto aufs Feinste begleitet.
Am Ende des Abends drehte die Lichtshow auf der Bühne kräftig auf, um der Blitz-und-Donner-Aufführung des nächtlichen Sommergewitters Paroli zu bieten. Das gelang zwar nicht vollständig – das Experiment des Kultursommers mit zwei ungewöhnlichen Bands dagegen hatte sich gelohnt. Der Applaus war mächtig.
