Schwei - Nach 72 Jahren hängt im Turm der St.-Secundus-Kirche wieder eine große Glocke. Drei Mitarbeiter der Glockengießerei Rincker aus Sinn im hessischen Lahn-Dill-Kreis haben sie am Dienstagnachmittag hochgewuchtet – mit Muskelkraft und einem Greifzug. Sie brauchten nur gut eine Stunde dafür.
2,5 Tonnen Gewicht
Der Greifzug kann drei Tonnen heben, die Glocke und das Eichenjoch wiegen zusammen gut 2,5 Tonnen. Ein Motor muss nicht eingesetzt werden. Der Greifzug ist an einer Eisenkonstruktion oberhalb der Glocken befestigt. Zwei Stunden, also bis 17 Uhr, werde es wohl dauern, schätzt der Monteur Jürgen Schwarck, bevor es losgeht. Um 16.10 Uhr ist die Glocke da, wo sie sein soll.
Gut 2,2 Tonnen wiegt die neue Friedensglocke, die wie die alte Glocke den Schlagton c‘ hat. Dazu kommen weitere 300 Kilogramm, die das Joch aus Eiche wiegt. Bis vor gut 100 Jahren waren die Joche immer aus diesem harten Holz, erläutert Dr. Cord Diekmann, der Vorsitzende des Kirchbauvereins, aber dann setzte sich mit der modernen Zeit der Stahl durch. Inzwischen wissen alle, die etwas davon verstehen, dass Eiche über Jahrhunderte hält und gleichzeitig für den Klang der Glocke viel besser ist als Stahl. Deshalb hat der Kirchbauverein sowohl für die neue als auch für die kleinere, fast 300 Jahre alte Glocke neue Eichenjoche bestellt.
Zentimeter für Zentimeter schwebt die große Glocke im engen Kirchturm nach oben. Die Treppen sind längst ausgebaut, doch plötzlich steht auch die Metallleiter als einzige Verbindung nach oben im Weg. Cord Diekmann und sein Stellvertreter Ibeling van Lessen räumen sie aus dem Weg, immer darauf bedacht, bloß nicht unter die schwebende Glocke zu geraten.
Mit einem Ruck
Beim ersten Boden unter dem stillgelegten und verpackten Uhrwerk ist plötzlich Schluss. Die Glocke mit 1,50 Meter Durchmesser passt nicht durch. Doch Jürgen Schwarck dreht sie mit einem Holzstab und seinen Füßen, dass sie hindurch gleitet. Die letzten Zentimeter schafft sie mit einem Ruck.
In diesem Augenblick erscheint Gabriele Dittrich, die ehrenamtliche Glockensachverständige der Oldenburgischen Landeskirche. Seit sechs Jahren ist sie im Amt, dies ist ihre siebte neue Glocke – und die größte. Jahrhundertelang können sie und das Joch halten, sagt sie. Auch die Lederriemen, an denen der Stahlköppel hängt, halten Jahrzehnte, wenn sie regelmäßig gefettet werden. Noch immer gebe es nichts Besseres dafür als Rindsleder. Verschleißteile seien dagegen die Seile und Ketten, aber auch das sei eine Frage der Pflege.
Inzwischen ist auch Werner Hofmann eingetroffen. Der gebürtige Dresdner, seit seiner Kindheit von Glocken fasziniert, hat es mit seiner großzügigen Spende von 25 500 Euro für die Bronze erst möglich gemacht, dass die Glocke so schnell fertig wird. Eine weitere Deckungszusage beläuft sich über 6700 Euro. Zweitgrößter Spender ist die Gemeinde mit 6000 Euro. Insgesamt kostet das Vorhaben 58 500 Euro und sollte erst zum 400. Jahrestag der Kirchweih 2019 abgeschlossen sein.
Bis Donnerstagabend werden die Monteure noch arbeiten. Dann fehlt nur noch das Läutwerk. Das hatte die Herstellerfirma glatt vergessen. Mittlerweile hat sie Ersatz geschickt, der aber etwas schwach ist.
