Tossens - Dies dürften auch einige Butjenter schon erlebt haben: Die Sehenswürdigkeiten an Urlaubsorten kennt man, nicht aber die vor der eigenen Haustür. So erging es auch dem Ehepaar Gundel und Gerd Meiners aus Waddens, die an der Führung durch die St.-Bartholomäus-Kirche in Tossens teilnahmen.

Gerd Meiners war noch nie in dem um 1400 errichteten Gotteshaus gewesen, seine Frau Gundel das letzte Mal vor rund 60 Jahren. Dabei weist das denkmalgeschützte Kirchengebäude mit dem Bockhorner Klinker im Klosterformat gleich mehrere kunsthistorische Schätze auf, ließ die Gästeführerin Renate Knauel die Teilnehmer der rund einstündigen Führung wissen.

Die Saalkirche beherbergt eine bemerkenswerte Ausstattung des Bildhauers Ludwig Münstermann und seiner Werkstatt in Hamburg, in der mindestens sieben Gesellen tätig gewesen sind. Da ist zum einen der kunstvoll gearbeitete Taufstein, der auf das Himmlische Jerusalem hinweist, dann der eher schlicht gehaltene Schalldeckel oberhalb der Kanzel und das Meisterstück: der Altar von 1631.

Er zeigt mit seinen zahlreichen filigranen Schnitzereien das in Szene gesetzte Evangelium mit dem Abendmahl, der Kreuzigung, der Auferstehung und der Himmelfahrt. „Den Altar soll man von unten nach oben und von links nach rechts lesen. Er teilt uns etwas mit“, erläuterte Renate Knauel. „Ludwig Münstermann hat das Bibelwort äußerst gekonnt in Szene umgesetzt“, sagte sie.

Die dargestellten Motive wirken äußerst lebendig, detailgetreu und ausdrucksstark. Das liege daran, dass der Bildhauer und Holzschnitzmeister zu den exponiertesten Vertretern des Manierismus in Norddeutschland zählt, berichtete Renate Knauel. Charakteristisch für Ludwig Münstermann sind unter anderem seine lebendig wirkenden Figuren, die kleinteilig-manieristischen Ornament- und Architekturelemente, die aufwendigen Farbfassungen und das Spiel mit den Schattenwirkungen. Allerdings bedarf der Altar dringend einer Restaurierung, bedauerte Renate Knauel. Die Hitze im vergangenen Sommer habe dem Kunstwerk sehr zugesetzt.

Im Oldenburger Land gab es allein 20 Altäre aus der Hamburger Werkstatt von Ludwig Münstermann. Nicht alle sind jedoch bis heute erhalten. Möglich war dies zu Zeiten des mit viel Armut und Elend einhergehenden Dreißigjährigen Krieges nur deshalb, weil es dem Oldenburger und Delmenhorster Grafen und Kunstfreund Anton Günther (1583 bis 1667) gelungen war, seine Grafschaften mit viel Diplomatie aus den Wirren des verheerenden Krieges herauszuhalten.

In Butjadingen können Interessierte übrigens auch Münstermann-Werke in Eckwarden und Langwarden besichtigen. Weitere kunstvolle Schnitzereien, die sich durch ihre theologische, künstlerische, historische und kunsthistorische Verwobenheit auszeichnen, finden sich unter anderem in Blexen, Abbehausen, Schwei, Rodenkirchen, Golzwarden, Berne, Atenesch und Varel.

Die Führungen durch die St.-Bartholomäus-Kirche in Tossens werden bis Mitte August immer dienstags um 16.30 Uhr angeboten. Die Termine sind der 25. Juni, der 2., 9., 16., 23. und 30. Juli sowie der 6. und 13. August.