Kirchkimmen - Ketten, Schnüre und Knöpfe baumeln vom Bild, Nadeln und Nägel stecken in der Leinwand, Frauen posieren umringt von Tieren und Fabelwesen. „Brauche ich das wirklich?“, mag sich mancher Besucher bei der Vernissage der gleichnamigen Ausstellung von Gertrud Schleising am Sonntag in der Galerie am Stall in Kirchkimmen gefragt haben.
Die Antwort war eindeutig: Die Galerie platzte fast aus allen Nähten. Spannend und verwirrend sind die Werke der gebürtigen Berlinerin – wie eine Entdeckungsreise, auf die sich der Betrachter begibt. Denn man muss schon genau hinschauen bei den surrealen Welten mit plastischer Wirkung, die sich vor einem entfalten. Die Arbeiten zeugen von unbändiger Kreativität und sind wie Geschichten, von denen man nicht weiß, ob sie ein gutes oder böses Märchen sind.
„Ein genauer Blick lohnt sich“, befand auch Galerist Frank L. Giesen. Anstelle des geplanten Vortrags von Dr. Arie Hartog führte er im Gespräch mit der Künstlerin in die Werke ein.
Charakteristisch für ihre Werke sind die Technik und Motive. „Gegenstände machen die Leinwände zu einem Wandobjekt“, so Giesen. Mit den verwendeten Knöpfen, Schnallen und Schnüren wolle die Berlinerin „ein Mehr an Räumlichkeit und Oberfläche schaffen“. Dargestellt werden überwiegend posierende Frauen. „Das erklärt sich aus meinem Hang zur Bühne“, sagt die ausgebildete Tänzerin. „Jede Pose ist eine Körpersprache.“
Sprache spielt in den Werken eine wichtige Rolle: „Es bereichert das Bild, wenn man auch etwas zu lesen hat“, findet die Künstlerin.
Schleising wirkt verspielt, aber nicht unreif. Genau das mache ihre Kunst aus, so der Galerist: „Ihre scheinbar kindliche Naivität erlaubt den unverstellten Blick auf unsere Gesellschaft, den Hinweis auf Absurditäten.“ Im Zentrum ihrer Kunst stehe die Frage nach der Sinnhaftigkeit des oberflächlichen Strebens nach Schönheit, Glück, Erfolg. „Ihre Werke sind eine Kritik an den modernen Träumen“, bilanziert er.
Wer herausfinden möchte, ob er diese Kunst wirklich braucht, sollte sich beeilen – denn Schleising verarbeitet häufig spontan ältere Arbeiten. Die aktuellen Werke sind in der Galerie am Stall bis zum 12. Mai zu sehen, donnerstags und freitags von 15 bis 19 und sonntags zwischen 11 und 18 Uhr.
