• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

Tristes Leben in „F“-Worten

29.03.2016

Berlin /Hamburg Berühmt und ein Bestsellerautor ist er längst. Denn der 53-jährige Hamburger Mathias Halfpape machte als Humorist und Mitglied des skurrilen Trios „Studio Braun“ unter dem Namen „Heinz Strunk“ genauso viel Furore wie als Verfasser etwa des autobiografisch geprägten Romans „Fleisch ist mein Gemüse“ (2004).

Mit dieser witzig-melancholischen Coming-Of-Age-Geschichte eines schwer von Akne gezeichneten jungen Tanzkapellen-Mitglieds in der norddeutschen Provinz schaffte er sogar erfolgreich den Sprung auf die Kino-Leinwand (2007) und auf die Bühne des Deutschen Schauspielhauses in der Hansestadt.

Nun setzt Strunk noch schwer einen drauf. Sein Erzählwerk „Der goldene Handschuh“ hat nicht die eigene Vita im Visier, sondern das deprimierende Leben des Serienmörders Fritz Honka (1935–1998).

Kaum mehr als ein Vegetieren war dessen Leben im Rotlichtmilieu von St. Pauli – geprägt durch Alkohol, Gewalt, Armut, Mangel an Bildung und Mangel an Respekt vor sich selbst und anderen. Stattdessen – quasi Dreh- und Angelpunkt seiner Existenz – die Fixierung auf unpersönlichen Geschlechtsverkehr. Um ihm dabei ein Überlegenheitsgefühl zu vermitteln, konnte dem armen Schwein Honka eine Frau kaum ungepflegt und hässlich genug sein.

Eine desaströse Daseinsweise, der Autor Strunk mit einem Exzess an „F“-Wörtern und der vielfach wiederholten Beschreibung physischer und psychischer Wrack-Zustände auf die Pelle rückt. Das ist nicht unbedingt hoch literarisch – vermittelt einem bürgerlichen Leser dennoch fern alles Reißerischen ein Gefühl für Menschen am unteren Limit.

Der kleinwüchsige, durch Misshandlungen in seiner Jugend entstellte Wachmann Honka sprach im „Goldenen Handschuh“ nicht nur dem Fusel zu. Hier riss er auch die gealterten, verarmten und vereinsamten Huren auf, die er zum Sex mit in seine Wohnung nahm – und ermordete. Einige Opfer zersägte er und lagerte die Leichen bei sich. Gegen Verwesungsgeruch setzte er Toiletten-Duftsteine ein. Erst ein Brand im Haus machte seinem Treiben ein Ende, als Feuerwehrleute die Leichenteile entdeckten. Verteidiger beim spektakulären Prozess 1976 war Staranwalt Rolf Bossi. Der am Ende völlig apathische Honka verbrachte seine letzten Jahre – nach Aufenthalt in einer geschlossenen Krankenhaus-Abteilung – unter anderem Namen in einem Alten- und Pflegeheim an der Ostsee.

Bei der real verbürgten Geschichte hätte Strunk es besser belassen sollen. Doch der Erzähler will mehr – vielleicht so etwas wie ein Sozialpanorama einer 70er-Jahre-BRD, die das Dritte Reich mental nicht überwunden hat. Dafür führt er eine Reeder-Familie ein, die trotz Elbvilla genauso kaputt ist wie die Schattenexistenzen von St. Pauli.

Dort, im „Goldenen Handschuh“, kehren sie schließlich alle ein. Die Teile des Buchs, die von den Beziehungsstörungen derer von Dohren handeln, wirken allerdings gewollt und klischeehaft. Im jüngsten Clanmitglied, einem unansehnlichen Pubertierenden, meint man aber auch ein wenig vom alten Strunkschen Anti-Helden aus „Fleisch ist mein Gemüse“ zu erkennen.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.