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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Trümmerfrauen in Wagners Villa

28.07.2008

BAYREUTH Eine Zeitreise durch die Irrungen und Wirrungen der deutschen Geschichte – so sieht der norwegische Regisseur Stefan Herheim Wagners „Parsifal“ in seiner Neuinszenierung bei den Bayreuther Festspielen. Die subtile Interpretation, die mit plakativen Bildern und einer exakten Personenregie besticht, erntete bei der Premiere zum Festspielauftakt einhellige Zustimmung und wurde mit großem Applaus gefeiert, der auch die glänzend disponierte Sängerriege einschloss. Dagegen musste der italienische Dirigent Daniele Gatti für seine pathetische Auslegung der Partitur einige Buhrufe einstecken.

„Parsifal“ hat schon immer eine besondere Rolle in der Bayreuther Festspielgeschichte gespielt, denn Richard Wagner hat sein Spätwerk speziell für das Festspielhaus geschrieben, wo es 1882 uraufgeführt wurde. Herheim, der auch schon am Oldenburgischen Staatstheater inszenierte, knüpft an diesen Mythos an und verortet seinen „Parsifal“ direkt in Bayreuth: Als Kulisse dient im Bühnenbild von Heike Scheele Haus Wahnfried, einst Richard Wagners Bayreuther Villa. Bayreuth wird so zum Stellvertreter-Ort für deutsche Geschichte schlechthin.

Die Handlung ist – auch über filmische Einblendungen – verwoben mit den Stationen der oft unheilvollen deutschen Geschichte. Im Wahnfried-Garten versammelt Herheim eine bunte, geflügelte Gesellschaft des Wilhelminischen Kaiserreichs. Später werden – unwillig begleitet von einem Buh-Rufer im Zuschauerraum – Hakenkreuzfahnen aufgezogen, Blumenmädchen marschieren als SS-Trupp auf. Doch der Spuk dauert nur kurz, dann brennt Wahnfried, von Bomben getroffen, und der Adler mit dem Hakenkreuz in den Krallen wird gesprengt. Vor den Ruinen der Villa ziehen Trümmerfrauen auf, und Regisseur Herheim entbietet in kurzer Botschaft Wieland und Wolfgang Wagner seinen Gruß, die die Festspiele 1951 wieder ins Leben gerufen haben.

Herheim ist – auch dank einer exzellenten Lichtregie – eine weitgehend stimmige, weihevolle Inszenierung gelungen. Manche Symbolik freilich wirkt allzu dick aufgetragen. Doch zweifellos hat das Bayreuther Publikum nach Christoph Schlingensiefs höchst umstrittener Bilderflut nun wieder einen „Parsifal“, an dem es sich über Jahre freuen wird.

Das dürfte weniger für die musikalische Auslegung durch Daniele Gatti gelten. Positiv fällt zwar auf, wie gut Musik und Szene aufeinander abgestimmt sind; auch führt der Maestro das auf hohem Niveau musizierende Festspielorchester zurückhaltend und sängerfreundlich. Doch Gatti zerdehnt den „Parsifal“ in schleppenden, getragenen Tempi und langen Pausen auf satte vier Stunden und 40 Minuten – da mag sich manch ermüdeter Besucher ein wenig mehr italienisches Temperament wünschen.

Das Sängerensemble mit den Bayreuth-Debütanten Christopher Ventris als Parsifal und Detlef Roth als Amfortas präsentierte sich ausgezeichnet geführt und verband große Spielfreude mit nuanciertem Gesang und guter Textverständlichkeit.

Mehr Infos zum Festival unter www.bayreuther-festspiele.de

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