TüBINGEN - Er ist berühmt, geachtet und gefürchtet. Und er weiß sich zu inszenieren.

Unvergessen für uns Studenten, wie er laut und fröhlich auf dem Flur des sogenannten Brecht-Baus der Universität Tübingen verkündete, von einer Schreibblockade samt schwerster Depression geplagt zu werden.

Da dachten wir Studenten: Hoffentlich bekommen wir auch mal so eine schöne Depression!

Walter Jens, der berühmte Germanist, der große Vorzeige-Redner, der erste Rhetorik-Lehrstuhlinhaber Deutschlands, der vielfache Buchautor, ist und bleibt ein Alleskönner. Das ist positiv gemeint. Aus dem Stegreif kann er über alles sprechen und schreiben. Und interessiert ist er sowieso an allem.

Unter dem Pseudonym Momos verfasste er zum Beispiel früher für die „Die Zeit“ Fernsehkritiken. Die sind bis heute Kult. Nicht genug, dass er bis 1988 Rhetorik lehrte: Von 1976 bis 1982 war Jens auch Präsident des deutschen PEN-Zentrums. Die Gruppe 47 wäre ohne ihn nicht denkbar. Marcel Reich-Ranicki gehört – wenn sich die beiden nicht gerade streiten – zu seinen engsten Freunden.

Von 1989 bis 1997 war Jens Präsident der Akademie der Künste zu Berlin. Während des Golfkriegs 1990 versteckte der Pazifist in seinem Haus desertierte US-Soldaten. So, wie seine Ehe organisiert war und ist, redete er hochqualifiziert mit den Amerikanern. Gattin Inge Jens, berühmte Germanistin und noch berühmtere Herausgeberin der Thomas-Mann-Tagebücher, durfte den Kaffee kochen.

Als Jugendlicher war der gebürtige Hamburger Torhüter des Eimsbütteler TV. Kein Wunder, dass Jens ebenso vor dem DFB parlieren wie zum 100. Geburtstag seines Heimatvereins reden konnte.

Das allein reicht aber noch nicht zum Alleskönner. Es muss klassische Bildung hinzukommen. Jens, der sein Leben lang unter Asthma leidet, ist ein Bücherwurm und Sprachmensch. Einmal erzählte er, wie er mit dem Politiker Carlo Schmidt in einer riesigen SPD-Versammlung saß und zum Freund Carlo sagte: „Wir beide sind bestimmt die einzigen im Saal, die Altgriechisch können!“ Die kleine Angeberei des großen Mannes hörte man sich andächtig als Student an. Man wusste: Jens, den wir verharmlosend Walle nannten, ist nicht nur in Tübingen am Neckar eine Instanz.

Bis heute ist er ein sympathischer Selbstdarsteller, politischer Gutmensch, wunderbarer Abschweifer. Er ist einer der letzten großen Intellektuellen seiner Generation. Am 8. März wird der inzwischen sehr kranke Jens 85 Jahre alt. Möge er sich noch oft einmischen.