TüBINGEN - „Frau Walter Jens“ – diesen ungeliebten Spitznamen wird Inge Jens wohl nie mehr los. Dabei hat sie sich immer so sehr dagegen gewehrt, nur als Frau an der Seite ihres berühmten, intellektuellen Ehemanns wahrgenommen zu werden.
Verdient hat sie dieses Image ohnehin schon lange nicht mehr. Dass sie sich als Literaturwissenschaftlerin selbst einen Namen gemacht hat, ist dabei das eine. Seit Walter Jens (88) vor fast zehn Jahren an Demenz erkrankte, ist seine Frau mit ihrer mutigen, offenen Art für viele Angehörige von Demenzpatienten zu einem Vorbild geworden. An diesem Sonnabend wird sie 85 Jahre alt.
Schonungslos erzählt Inge Jens in Interviews, Talkshows und in ihrer Autobiografie davon, wie ihr Mann langsam, aber unaufhaltsam in geistige Umnachtung verfiel. Sie spart dabei nicht aus, dass der große Schriftsteller, Denker und Redner plötzlich Windeln tragen musste und Bücher verkehrt herum hielt.
„Diese Krankheit zu tabuisieren, bringt uns noch mehr in die Ratlosigkeit, als wir es ohnehin schon sind“, sagt sie. Trotzdem merkt man, wie weh ihr der geistige Abschied von ihrem Mann nach fast 60 Jahren Ehe getan hat. „Ich bin für ihn wie ein Möbelstück“, sagt sie. „Den Mann, den ich liebte, gibt es nicht mehr.“
Geliebt und gehasst
Inge und Walter Jens waren sich immer ein intellektueller Gegenpart. Sie arbeiteten im gleichen Metier, der Literaturwissenschaft. Sie haben sich inspiriert und irritiert, geliebt und manchmal regelrecht gehasst – gerade wenn sie wie so oft bei einem Projekt eng zusammenarbeiteten. Dass ihr Mann mit seiner lauteren, redegewandteren Art in der Öffentlichkeit so viel stärker wahrgenommen wurde, hat Inge Jens gelegentlich auch geärgert.
Genau wie ihr Mann stammt sie aus Hamburg, kennengelernt hat sich das Paar aber erst in Tübingen. Bekannt wurde Inge Jens vor allem mit ihrer 1995 abgeschlossenen Edition der Tagebücher Thomas Manns. Sie entdeckte und publizierte eine wahre Schatzkammer bis dahin unbekannter Dokumente, die die Tagebuch-Eintragungen Manns für den Leser in Zusammenhang rückten.
Ihr größter Erfolg wurde das gemeinsam mit ihrem Mann geschriebene Buch „Frau Thomas Mann“ über Katia Mann, die oft im Schatten ihres berühmten Ehemannes stand. Diese Parallele im Leben der beiden Frauen war so deutlich, dass Inge Jens den Spitznamen „Frau Walter Jens“ fortan nicht mehr loswurde.
Gemeinsam mit ihrem Mann wurde sie in den 1980er Jahren zu einer Galionsfigur der Friedensbewegung. 1984 beteiligten sie sich an Sitzblockaden vor dem amerikanischen Atomwaffendepot Mutlangen, während des Golfkriegs 1990 versteckten sie zwei desertierte US-Soldaten in ihrem Tübinger Haus und kamen wegen Beihilfe zur Fahnenflucht vor Gericht.
Seit Inge Jens 2009 ihre Autobiografie „Unvollständige Erinnerungen“ veröffentlichte, ist sie oft auf Lesereise. „Ich reise gern. Es ist für mich eine Möglichkeit, mal hier rauszukommen“, sagt sie. Drei bis vier Stunden pro Tag sitzt sie noch immer konzentriert am Schreibtisch. Das editorische Bearbeiten unpublizierter Quellen – so wie bei den Mann-Tagebüchern – mache ihr noch immer Spaß.
Mit Spaß dabei
Ihr nächstes Buch ist schon in Planung. Vielleicht werde sie sich mit Texten von Frauen in der Immigration beschäftigen – vielleicht aber auch mit etwas anderem. „Ich kann es mir heute erlauben, nur noch das zu machen, was mir Spaß macht. Die Themen, die mich umgetrieben haben, die habe ich längst gemacht.“
