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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Tür an Tür mit Adolf Hitler

15.04.2014

München Einmal, so erinnert sich Edgar Feuchtwanger, gab es nicht genug Milch für die Familie. „Ich weiß noch, dass meine Mutter sagte: ,Wir haben heute nicht viel Milch. Der Milchmann hat gesagt, er muss mehr Milch bei Hitler lassen‘.“ Das war das erste Mal, dass Feuchtwanger den Namen hörte.

Als er zum ersten Mal sah, wer hinter diesem Namen steckte, war Adolf Hitler gerade Reichskanzler geworden. „Mich hat er angeschaut – aber nicht irgendwie bösartig.“ Es muss um das Jahr 1933 herum gewesen sein, zu dem Zeitpunkt, als das Leben der Familie Feuchtwanger wie das so vieler anderer eine schreckliche Wende nahm.

Edgar Feuchtwanger lebte als Kind von seinem fünften Lebensjahr an Tür an Tür mit Hitler. Später sah er ihn zum Beispiel kurz vor der Pogromnacht der Nationalsozialisten 1938. Sein Vater, ein angesehener Verleger, wurde anschließend gefangen genommen und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt, nachdem die Bibliothek der Familie geraubt worden war.

Der Diktator war der Nachbar der jüdischen Familie Feuchtwanger, sein Haus lag gleich nebenan, am Prinzregentenplatz 16 in München. Heute befindet sich dort die Polizeiinspektion 22 München-Bogenhausen, damals war das Haus als „Führerwohnung“ berühmt.

Feuchtwanger, Historiker und Neffe des Schriftstellers Lion Feuchtwanger, ist heute 89 Jahre alt und lebt in England, seitdem seine Familie vor dem Nazi-Terror in Deutschland auf die Insel flüchtete – seit 75 Jahren. „Wir waren privilegiert“, sagt er. Denn der Familie gelang es mit Hilfe von Verwandten aus dem Ausland, 1000 Reichsmark für die Genehmigung der Ausreise auf den Tisch zu legen. Millionen andere schafften es nicht mehr rechtzeitig raus aus Deutschland.

Wie nah er damals dran war an der Quelle der deutschen Terrorherrschaft, das hat er schon oft erzählt, auch in seinen Memoiren, die der gebürtige Münchner für seine Kinder verfasst hat. Jetzt hat der französische Journalist Bertil Scali Feuchtwangers Geschichte aufgeschrieben – aus der Sicht des Kindes, das Feuchtwanger war.

„Er hat es so gemacht, als ob ich das naiv als Kind sehe“, sagt Feuchtwanger. Das liest sich etwa so: „Zu Hause sprechen meine Eltern nur noch über Hitler“, oder: „Papa hatte ich sagen hören, das Einzige, was er mit Hitler gemeinsam habe, sei sein Zahnarzt.“

Eine beeindruckende Perspektive ist es, die das Buch einnimmt: Es erzählt aus naiver Kindersicht anhand kleiner Episoden – wie einem Streit zwischen Hitler und dem Autor Lion Feuchtwanger – vom Aufstieg Hitlers zum Diktator und Kriegstreiber. Und ganz nebenbei gelingt dem Buch noch etwas anderes: Es beschreibt eine großbürgerlich-jüdische Welt, eine Kultur, die Deutschland damals wohl unwiederbringlich verloren hat.

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Siedler Verlag | Polizeiinspektion

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