Oldenburg - „Militärpersonen“ zahlten beim Eintritt nur die Hälfte. Aber nur „vom Feldwebel abwärts“. Für verwundete Kameraden war der Eintritt gratis.
Vor exakt 100 Jahren, am 10. Februar 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, stand Lessings „Minna von Barnhelm“ auf dem Programm des damals noch Großherzoglichen Theaters Oldenburg. Einzelheiten dazu, wie zu etwa 20 000 weiteren Theaterzetteln, Konzertprogrammen, historischen Fotos oder Rezensionen kann man ab jetzt bequem und kostenfrei am Bildschirm erstöbern – auf der Homepage der Landesbibliothek Oldenburg (www.lb-oldenburg.de).
Nicht auf die Bühne
Ein Digitalisierungsprojekt macht es möglich. Es wurde am Donnerstag im Staatstheater vorgestellt. Keiner muss also mehr im Archiv Akten wälzen, um das Theaterleben zwischen 1833 und 1945 zu erforschen, betont Corinna Roeder, die Leiterin der Landesbibliothek. Der Kulturrat des Oldenburger Landes, ein wirklich mal reger Zusammenschluss großer Kultureinrichtungen, hat über drei Jahre hinweg das Einscannen und den Zugang ermöglicht.
Oldenburgs Generalintendant Christian Firmbach freut sich: „Es zeigt sich zum Beispiel, dass man sich gerade in den 20er Jahren in Oldenburg an teilweise umstrittene Werke wie Alban Bergs Oper ,Wozzeck’ oder Brechts ,Dreigroschenoper’ wagte!“ Anders als sein Vorgänger Markus Müller, der Flyer, also fast schon wieder altertümliche Theaterzettel, zu den Aufführungen kostenlos verteilen ließ, ist Firmbach zu kleinen Programmen zurückgekehrt, die verkauft werden.
Aber Firmbach weiß auch: Etwa seit dem 15. Jahrhundert waren Theaterzettel als Vorläufer von Programmheften die Regel. Nicht gerade Schönheiten, eher graue Blättchen mit wenigen Angaben. Man wies auf das Stück hin, den Kartenverkauf, die zeitliche Länge und ähnliches. Und man wünschte, erstaunlicherweise bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, dass das Publikum bitte nicht einfach auf die Bühne rannte. Anweisungen, wo die Dienerschaft mit den Kutschen vorfahren sollte, waren selbstverständlich.
Das sind Nebensachen? Nein, es sind sozialhistorische Quellen. Sie bieten einen Blick auf die Gesellschaft bis 1945, etwa wenn das Konterfei eines gewissen Herrn Hitler auf den Blättchen auftaucht.
Sogar einige Fotos
Die Dokumente sind mithilfe eines Suchschlitzes auf dem Bildschirm durchsuchbar. So ist es möglich festzustellen, welche Schauspieler oder Sänger, darunter Erna Schlüter, wo mitgewirkt haben, und zu manchen findet man dann sogar Fotos. Das Online-Angebot wurde möglich, weil Museen, Archive, das Staatstheater und Bibliotheken zusammengearbeitet haben. Corinna Roeder weiß aber, dass man weiter suchen muss. Längst nicht alle Theaterzettel sind überliefert. „Aber“, sagt sie, „das Schöne am Digitalprojekt ist ja, dass man es ergänzen kann.“
Die klickende Reise durch die Theaterwelt endet 1945. „Danach gäbe es Urheberrechtsprobleme“, meint Roeder. Erst 70 Jahre nach dem Tod eines Autors werden die Rechte frei. Und da fallen einem auch sofort die dicken Programmhefte der 60er und 70er Jahre ein, in denen gewichtige Adorno-Aufsätze fast obligatorisch waren – und man sich alte Theaterzettel wünschte.
