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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Über die rechte Hand aufs Papier

22.06.2013

Oldenburg Die hat offenbar ein Eigenleben, diese rechte Hand. Einzelne Sätze sanft unterstreichend, streckt Martin Walser sie in die Luft, die Finger immer in Bewegung, während der 86-Jährige, der beim Hereinkommen noch gebrechlich wirkt, mit erstaunlicher Kondition fast eine Stunde lang am Pult steht und in weicher alemannischer Mundart vorliest, ohne Pause, ohne zu stocken. Jene Sätze, die „über die rechte Hand aufs Papier gekommen sind“, mit der Hand, die „bei mir noch am längsten lebt“.

Was da aufs Papier gekommen war, ist der Roman „Das dreizehnte Kapitel“, aus dem Walser, einer der bekanntesten deutschen Gegenwartsautoren, im Oldenburger PFL las, als Gast der NWZ -Reihe „Begegnungen“. Sein Name gehöre zu den besten des Landes, sagte Dr. Reinhard Tschapke, NWZ -Ressortleiter für Kultur, in seiner Einführung, gleich neben Böll, Grass und Handke – „vielleicht sogar der beste“. Mit seinem literarischen Werk sei er zum „Chronisten des deutschen Anti-Helden“ geworden. Sein aktueller Prosaband sei ein „bewegender, großer Roman“, der sich auf mehreren Ebenen lesen lasse – als Buch über eine unmögliche Liebe oder als Auseinandersetzung mit dem evangelischen Theologen Karl Barth.

Zu Gast in Bellevue

Eine Einführung, die Walser nicht unkommentiert ließ. Nicht alle freundlichen Worte seien gleich glaubwürdig, sagte er milde lächelnd, aber diese halte er für „fast glaubwürdig“. Was darauf folgte, war eine überaus lebendige, amüsante Lesung, in der er in die Rolle seiner Protagonisten schlüpfte – dem Schriftsteller Basil Schlupp, aber auch in dessen Briefpartnerin.

Auf den ersten Seiten schildert Walser, wie Schlupp mit seiner Frau Iris beim Bundespräsidenten im Schloss Bellevue zu einem Festessen geladen ist und dort der evangelischen Theologin und ebenfalls glücklich verheirateten Maja Schneilin begegnet. Über den Tisch hinweg, kaum dass sie miteinander reden, verliebt er sich in sie und schreibt ihr wenig später den ersten Brief. Der Anfang eines aussichtslosen Briefwechsels, in dem sich beide mehr und mehr nähern, der das Unmögliche am Ende aber nicht ermöglichen kann.

Die Passagen, die Walser vorliest, sind wunderbar schräg und komisch, wie etwa Schlupps Eingeständnis seiner „Entblößungssucht“: Gedanklich zieht er jede Frau aus, die ihm begegnet. Und allein wie er das Wort „Hirnforscher“ ausstößt – gemeint ist der Mann am Tisch, der die Theologin zum Lachen bringt und damit Schlupp empört –, ist köstlich.

Doch bevor der Roman eine Wendung ins Tragische nimmt, hört Walser auf. Nur dass Maja „den Roman nicht überleben kann“, verrät er den Zuhörern im ausverkauften PFL. Aber da sitzt er schon im schwarzen Ledersessel im Gespräch mit Tschapke und plaudert angeregt darüber, „wie man zu einem Roman kommt“ und dass er schon bei mehreren Bundespräsidenten im Schloss Bellevue zu Gast war. Aber nur einen habe er wirklich gemocht, ja geliebt: Horst Köhler.

Walser arbeitet noch immer fleißig, kam zur Lesung von Saarbrücken über Graz und Frankfurt/Main nach Oldenburg und zieht es vor, seine Bücher mit der Hand zu schreiben. Der rechten eben. Baupläne, wie sie Böll vor der Niederschrift seiner Werke anlegte, „sind nicht mein Fall“. Was aufs Papier komme, müsse ihn selbst überraschen: „Es wäre nicht spannend, wenn ich schon wüsste, wie es ausgeht.“

Neues Buchprojekt

Für sein neues Buchprojekt hat er dennoch einen Plan, den er mit den Dialogen Platons erklärt: ein Roman nur aus direkter Rede, ohne Konjunktive. Viel mehr will er nicht preisgeben, „sonst kommen Sie heute nicht mehr ins Bett“. Aber er sei gespannt, wie er daraus vorlesen werde: „Leicht wird das nicht.“

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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