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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Umstrittene und isolierte Schlüsselfigur

19.08.2016

Berlin Es war eine der brisantesten Debatten seit Gründung der Bundesrepublik: Vor 30 Jahren löste der Geschichtswissenschaftler Ernst Nolte den deutschen Historikerstreit aus. Für Empörung sorgte vor allem seine These, die Ermordung der europäischen Juden durch Nazi-Deutschland habe ihren Ursprung in den Verbrechen der sowjetischen Kommunisten.

Der Professor der Freien Universität Berlin verharmlose die Nazis und begebe sich in die Nähe der Holocaust-Leugner, lautete damals der zentrale Vorwurf. Am Donnerstag ist Nolte nach kurzer Krankheit mit 93 Jahren in Berlin gestorben.

Seine Behauptungen gelten in der Historiker-Zunft inzwischen als widerlegt. Dennoch hielt Nolte auch in späteren Veröffentlichungen an seinen Thesen fest und isolierte sich zunehmend. Im Jahr 2000 lehnte es die damalige CDU-Vorsitzende Angela Merkel ab, anlässlich der Verleihung des Konrad-Adenauer-Preises die Laudatio auf den umstrittenen Wissenschaftler zu halten.

Auslöser des Historikerstreits war 1986 ein Artikel Noltes. Hitler sei eine Reaktion auf Lenin gewesen, führte er dort aus. „War nicht der ,Archipel Gulag’ ursprünglicher als ,Auschwitz’? War nicht der ,Klassenmord’ der Bolschewiki das logische und faktische Prius (Vorausgegangene) des ,Rassenmords’ der Nationalsozialisten?“ Befremdlich war für viele auch, wie stark Nolte die führende Rolle von Juden innerhalb der Bolschewiki betonte.

Der Philosoph Jürgen Habermas bezichtigte den Kollegen darauf des Revisionismus. Mit der Deutung des Nationalsozialismus als Antwort auf die bolschewistische Bedrohung mache Nolte Hitlers Verbrechen „mindestens verständlich“. „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein warf dem Wissenschaftler vor, das Bürgertum, die Generalität und Hitler zu entlasten.

Nolte blieb unbeirrt. In einem Interview etwa sagte er 1994, er könne nicht ausschließen, dass die meisten Holocaust-Opfer nicht in den Gaskammern, sondern durch Seuchen und Massenerschießungen getötet wurden. Im Ergebnis, erklärte der Historiker Heinrich August Winkler, habe die Auseinandersetzung um Noltes Thesen einen Wandel in der politischen Kultur beschleunigt und die „vorbehaltlose Öffnung“ der Bundesrepublik gegenüber dem Westen gefestigt.

Der Historiker selbst sah sich durch die Vorwürfe seiner Kollegen ungerecht behandelt. Nicht er habe sich zu einem radikalen Rechten entwickelt, vielmehr sei die deutsche Öffentlichkeit nach links gerückt, argumentierte er. Auch in seinen späteren Büchern ging er weiter der Frage nach: Wie war Hitler möglich? Für ihn blieb gültig, dass Nationalsozialismus und Kommunismus die Kontrahenten eines „Europäischen Bürgerkrieges“ waren. Als einer der ersten warf er die Frage auf, was den Nationalsozialismus ausgelöst hat. Dabei brach er mit der Totalitarismustheorie. Er erkannte dem Nationalsozialismus eine besondere Qualität als Herrschaftsform zu.

Nolte, der ursprünglich wie sein Vater im Schuldienst arbeitete, erhielt früh große Anerkennung. Als Seiteneinsteiger bekam er einen Lehrauftrag an der Uni Köln und später einen Lehrstuhl in Marburg. 1973 wechselte er an die FU Berlin. In den Hochzeiten des Historikerstreits wurden seine Seminare durch Protestaktionen von Studenten gestört. Verbittert habe ihn die Auseinandersetzung nicht, sagte er 2006.

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