Wilhelmshaven - Wäre dieser Agostino Steffani ein Mensch unserer Zeit, würden ihn moderne Attribute gut charakterisieren: als einen Hans Dampf in allen Gassen, als zielstrebigen Strippenzieher und Manager, als einflussreichen Aufsichtsrat – und über allem als genialen Musiker. So einen Typ hat sich die Bestseller-Krimiautorin Donna Leon nicht entgehen lassen, als Hauptfigur in „Himmlische Juwelen“. Und bei Mezzosopran Cecilia Bartoli bleibt ein Steffani nicht ungesungen, in „Mission“.

Wer war dieser Steffani? Thomas Bönisch stellt die Frage an diesem Freitag in der Musikreihe „Klassik am Meer“ in Wilhelmshaven. Wer den Chordirektor des Oldenburgischen Staatstheaters kennt, darf sich auf umfassende Antworten freuen.

Steffani war ein Mann der Barockzeit, geboren 1654 bei Padua, gestorben 1728 in Frankfurt. Weil diese Zeit die Bögen im Leben mit weniger Hektik spannte, beschreibt Dirigent und Steffani-Projektleiter Bönisch ihn auch in einem ruhigeren Duktus: „Der gebürtige Italiener ging mit 13 Jahren nach Deutschland, wirkte in München, Hannover, Düsseldorf. Als Diplomat, Geistlicher und Komponist fuhr er in vielen Missionen quer durch Europa.“

Da steht also einiges im Lebensbuch: diplomatische Aktivitäten in Wien zur Kurwürde Hannovers, Gesandter Hannovers in Brüssel, Kurpfälzischer Regierungspräsident, Rektor der Universität Heidelberg, Bischofsweihe in Bamberg, in Rom Vermittler im Streit zwischen Kaiser Joseph I. und Papst Clemens XI., Bischof zu Münster.

Dass so einer noch Zeit hatte, zu komponieren, zu dirigieren, die Hofmusik zu organisieren, ist kaum zu fassen. „Dabei muss er als moderner Komponist mit enormem Einfluss auf Händel gelten“, sagt Hansjörg Drauschke. „Die Verbindung der Stile macht ihn sogar zu einem europäischen Geist.“ Bönisch hat den Wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität Halle-Wittenberg ins Boot geholt. Der Steffani-Forscher wird beim Konzert in der Christus- und Garnisonkirche moderieren.

Drauschke verweist etwa auf die französischen Grundlagen Steffanis: „Das Ballet de Cour und die Opern bei Ludwig XIV. sind Inbegriffe musikalisch-visueller Demonstration absolutistischer Macht.“ In diese Musikmuster webt Steffani den italienischen Stil ein: „Da hat er emotional fesselnde Porträts gestaltet, attraktiv für die Starsänger.“

Hannover zählte ab 1688 zu den wichtigsten Stationen für Steffani. Händel ist ihm dort begegnet. Zur Eröffnung des Opernhauses mit 1300 Plätzen schrieb er 1689 die Oper „Henrico Leone“ mit dem Einfall, in die Sturmwellen der Ouvertüre hinein die in Seenot geratenen Pilger hinter der Bühne flehend singen zu lassen.

Alle sechs großen Hannoveraner Opern wurden von der Hamburger Oper am Gänsemarkt übernommen. „Er war dort selbst nicht aktiv“, merkt Drauschke an. „Aber für den Schmelztiegel Hamburger Oper ist Steffani ein zen­traler Faktor.“