Oldenburg - Wer das Herz eines Finnen gewinnen will, muss eiskalt sein.

Und zuckersüß. Dann schmelzen die Nordlichter dahin. Finnland hat den weltweit höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Speiseeis: durchschnittlich zwölf Liter der cremigen Schlemmerei vertilgt jeder Bürger der dünn besiedelten Republik. Auch im Kaffee trinken sind die Skandinavier unschlagbar. Ob das an den kurzen Tagen liegt? Tanja Küddelsmann hebt die Schultern: „Vielleicht.“

Kurz und heftig sind die Sommer in der Heimat ihrer Mutter. „Im Juni ist es heiß, 30 Grad mindestens. Und im September gibt es schon wieder den ersten Bodenfrost“, sagt die Oldenburgerin. Die großen Schulferien hat sie als Kind bei Höchsttemperaturen zwischen Granitfelsen und Birkenwäldern verbracht: Bei den Großeltern in Pori an der Südwestküste. „Mit 80 000 Einwohnern eine große Stadt“, sagt die 48-Jährige und erzählt von der endlosen Weite, den Seen und Bergen, Sommerhäusern aus Holz.

Aufgewachsen ist Tanja Küddelsmann zweisprachig, verbunden ist sie mit beiden Kulturen: Am 6. Dezember feiern die Finnen ihren Unabhängigkeitstag. Dann stellen sie zwei Kerzen ins Fenster. Der Nikolaus hat die Oldenburgerin zusätzlich besucht. Groß und fröhlich gefeiert wird im Land ihrer Ahnen die Mitsommernacht Ende Juni. „Das ist wichtiger als Weihnachten“, sagt Tanja Küddelsmann. Dabei ist der Weihnachtsmann ein Finne. Im Postamt am Polarkreis in Lappland beantwortet er jährlich über eine halbe Million Wunschzettel von Kindern aus aller Welt.

Während das heilige Fest auch in Finnland besinnlich gefeiert wird, geht es zur Mittsommernacht heiß her: mit gigantischen Feuern, wie in Deutschland zu Ostern. Nur viel größer. Der Garten vor dem Bloherfelder Familienhaus von Tanja Küddelsmann verwandelt sich im Hochsommer allerdings nicht in ein Flammenmeer. Anstatt dessen wird gegrillt. In einer Räucherbox. Die hat sie vom letzten Finnland-Besuch mitgebracht. Nach Möglichkeit einmal im Jahr reist sie zur Familie im hohen Norden. „Ich trage das Land in meinem Herzen – aber muss es immer wieder aktivieren“, sagt sie. Mit ihrem Sohn, Viktor Olavi, hat sie in den ersten Jahren finnisch gesprochen, ist dann aber beim Deutschen geblieben. „Das liegt mir mehr.“

Dafür arbeitet sie als Übersetzerin, Dolmetscherin und gibt Finnisch-Kurse an der Volkshochschule. Gebracht hat die studierte Germanistin darauf die Deutsch-Finnische Gesellschaft: Ein Bundesweiter Verein, in dessen Kreisgruppe sie seit einem Jahr im Vorstand sitzt. Unter den rund 100 Mitgliedern der Oldenburger Region sind nicht nur Finnen, auch begeisterte Skandinavienurlauber haben sich jahrelang zu regelmäßigen Stammtischen getroffen.

Mit denen allerdings ist jetzt Schluss: „Wir wollen mehr Aktionen für alle Oldenburger machen, uns und unsere Kultur zeigen“, sagt die Halbfinnin. Dazu gehört auch Mölkky-Spielen. Bei der finnischen Version des Kegelns gilt es, gezielt nummerierte Holzpflöcke zu treffen. Punkte werden nach Anzahl der umgefallenen Stäbe – oder, idealerweise, nach der darauf stehenden Nummer vergeben. Dann darf aber nur ein Pflock umkippen. Ziel sind 50 Punkte. Wer darüber liegt, wird auf 25 zurückgestuft, wer dreimal daneben wirft ist raus. „Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach“, sagt die Finnin.

Üben kann sie mit ihrem deutschen Gatten und dem gemeinsamen Mölkky-talentierten Nachwuchs. Künftig vielleicht auch mit neuen Sportsfreunden: Zum Spielenachmittag des Vereins haben gut 20 neugierige Oldenburger auf der Dobbenwiese finnische Spielregeln und Schlemmerein kennenlernen wollen. Ein kleiner Volltreffer.

Im September hat die Kreisgruppe einen finnischen Musikabend im Wilhelm 13 geplant. Zur Winterzeit böte sich saunieren an: Über zwei Millionen Saunen gibt es in Finnland. Für eine Bevölkerung von 5,3 Millionen gibt es also durchschnittlich eine pro Haushalt – sogar im Parlament. Zum Aufwärmen in langen Frostphasen wird außerdem Eishockey gespielt. Die abtrainierten Kalorien futtern sich die Finnen gerne mit Fisch in allen Variationen an – von Tanja Küddelsmann am liebsten in der mitgebrachten Räucherbox zubereitet.

Ihr finnisches Kochbuch schlägt sie auf, wenn es Lin-ströms Buletten – Fleischklöße mit einer Füllung aus Roter Beete – geben soll. Für Marmeladen-Pfannkuchen aus dem Ofen braucht sie kein Rezept. Finnen-Knäckebrot gibt es im Supermarkt, Moltebeeren-Gelee bei Ikea und „Kardemumma“ im Asia-Laden. Mit Kardamom würzen die Finnen ebenso gerne wie Inder. „Aber von da kommt es“, gibt Tanja Küddelsmann zu. Erfunden haben die Finnen allerdings Karelische Piroggen: Eine Spezialität aus Milchreis im Roggenteig. Dazu gibt es oft und gerne Hochprozentiges. Obwohl Schnaps teuer ist, würde viel getrunken, sagt die Halbfinnin. Vielleicht weil es so einsam ist in den langen Winternächten? Sie hebt wieder die Schultern.

Auftauen geht auch ohne Alkohol: mit Eis. In allen Varianten. Am beliebtesten sei Lakritz-Geschmack. Auch bei Minustemperaturen im zweistelligen Bereich. Eiskalt. Tanja Küddelsmann rümpft die Nase, lacht und sagt: „Bei uns heißt es, das Herz eines Finnen gewinnt man schwer. Wer es schafft, dem gehört es für immer.“