Oldenburg - Warum Shakespeares Liebesdrama „Romeo und Julia“ unsterblich ist, liegt auf der Hand: Weil es nicht kaputt zu kriegen ist. Auch die Oldenburger Hauschoreografen Guy Weizman und Roni Haver, die zum Auftakt der 11. Internationalen Tanztage im Staatstheater mit ein paar gewöhnungsbedürftigen Ideen aufwarten, können den Stoff zwar umkrempeln, ihm aber nichts anhaben – dank der hinreißenden Musik und dank der rund 120 Mitwirkenden.
Schon Hector Berlioz war für seine Komposition „Roméo et Juliette“, die er 1839 zwischen Sinfonie und Oper ansiedelte, frei mit Shakespeares Drama umgegangen, voraussetzend, dass jeder Zuhörer den Text kennt. Das Choreografenpaar aus Groningen tut es ihm gleich, zieht es forsch in die Moderne, ohne Scheu vor Plattheiten, plakativ auch im wörtlichen Sinne. Hochgehaltene Pappschilder fassen nach der Pause die Handlung praktischerweise zusammen („Tybalt tot“, „Mercutio tot“, „Heirat“, „Wilder Sex“).
Chor in Mönchskutten
Tänzerisch treiben sie die ebenso emotionale wie abstrakte Sprache von Berlioz auf die Spitze, indem sie das zehnköpfige Ensemble der Oldenburger Tanzcompagnie auf der Bühne des Großen Hauses wie mechanische Gliederpuppen tanzen lassen – artifiziell und abgezirkelt, ruckartig und zuckend, solo oder absolut synchron in den Gruppenszenen. Als wollten sie den Instrumenten im Orchestergraben antworten und ihren Klang aufgreifen.
Im Gegenzug dirigiert Thomas Dorsch das Staatsorchester aufwühlend, aber ohne auftrumpfende Dramatik. Der Musik folgend leuchtet und blinkt ein riesiges Gitter aus Lichtschienen über der Bühne, deren Boden mit weißen Linien bedeckt ist wie bei einem Tatort. Die Sänger von Opern- und Extrachor (Leitung: Thomas Bönisch) in der Rolle der beiden hasserfüllten Familien, der Montagues und Capulets, treten in schwarzen Mönchskutten auf, die Kapuzen über den Kopf gezogen.
Mitten ins tänzerische Geschehen integriert wurden die drei Gesangssolisten Linda Sommerhage, Ziad Nehme und Benjamin LeClair, die so als stimmgewaltige Erzähler Teil der Handlung sind. LeClair als Pater Lorenzo singt am Ende den Chor an und bringt endlich Frieden.
Ein spartenübergreifendes Gesamtkunstwerk war der Plan, und er wäre großartig aufgegangen, hätten Weizman und Haver in den rund 100 Minuten nicht so viel Disparates draufgesetzt und reingepackt. Von wegen Balkonszene. Dass Romeo (einer von fünf) nur vage nach oben winkt (ins Leere, weil eine von fünf Julias ja vor ihm tanzt), ist ein Gag, das Pappschild mit der Aufschrift „Romeo, Make Me A Baby“ ebenso, die rote Leuchtschrift im Bühnenhintergrund mitunter vom Lichtgitter verdeckt und die Vervielfältigung der Liebenden reichlich bemüht, aber sehr eindeutig: Romeo mit zwei Julias, Julia mit Julia, Romeo mit Romeo, Romeo mit Julia.
Liebe macht blind
Gegenseitig reißen sie sich die weißen Kleider vom Leib, bringen ein hautfarbenes Trikot mit aufgedruckten Mustern zum Vorschein und verhüllen sich die Köpfe. Liebe macht bekanntlich blind.
Und in der Sterbeszene lähmt sie auch: Romeo agiert als leblose Puppe, deren Gliedmaßen von einer Tänzerin geführt werden müssen, die nebenbei noch Wiederbelebungsmaßnahmen an der tot geglaubten Julia einleitet. Sterben müssen dann erst einmal alle drei und dazu ein weiterer Romeo.
Was noch fehlt? Eine kurze Videosequenz, in der Julia den Schlaftrunk nimmt, ein langes Spruchband mit der Aufschrift „Lasst uns sterben, aber bitte nicht umsonst“ und das große Finale, in dem sich alle um Pater Lorenzo scharen, mittendrin die fünf Paare, noch in zuckender Bewegung. Zu wunderschöner Musik. Eben unsterblich.
