VAREL - VAREL - Sie fällt dieses Mal vielleicht ein wenig schmal aus, die „Brücke zwischen Jung und Alt“, aber gut zu begehen ist sie doch.

Ganze vier – betagte – Zu- hörerinnen hat das Lesestündchen in der Kapelle des Vareler Altenstiftes „Simeon und Hanna“. Zwei müssen – es ist Besuch gekommen – auch noch vorzeitig gehen, in der Lesung, bei der junge Christen aus der evangelischen Jugend, einander am Podium abwechselnd, die Geschichte „Das Festessen bei Tante Jenny“ von Astrid Lindgren vortragen.

Dennoch – es stellt sich, bestärkt auch durch einige gemeinsam gesungene Adventslieder zu Beginn, so etwas wie eine gemeinschaftliche, ein bisschen schon familiäre Atmosphäre ein. Man ist zusammen, im gleichen Geiste – Jugenddiakon Gerhard Hufeisen und zeitweilig Pastor Eckhard Jetzki komplettieren die Runde –, im Anhören des vorgelesenen Textes, der, als der Rezitator spontan eine Szene besonders wirkungs gestikulierend unterstreicht, auch ein Lachen hervorruft.

Sie genieße das, jedes Mal, sagt die 92-jährige Henni Gerdes im Anschluss. Sie sei „immer hier; ich freue mich schon stets darauf“.

Eine Freude ist ihr offensichtlich auch das kleine Gespräch danach, da man noch einmal für einen Moment auf dem Gang vor der Kapelle zusammensteht, scherzend, eine alte Dame mit einer Gruppe junger Leute, strahlend und sehr belebt.

Die Gruppe – das ist in diesem Fall Stella Kaiser, 16, Julia Hellwig, 15, Peter Ahlhorn, 20 und Florian Oltmann, 21. Die vier jungen Leute aus Obenstrohe und Varel gehören zu den Mitstreitern eines Projekts, das die Diakonie-Praktikantin Kathrin von Handorf, 25, konzipiert hat.

Seit dem 1. Dezember lesen die Jugendlichen täglich – von den Gottesdienst-Sonnabenden abgesehen – in der Kapelle eine Geschichte vor, jeweils etwa 15 Minuten. Die Reihe geht bis einschließlich 23. Dezember. Beginn ist immer um 17 Uhr; dann wird aus einem Umschlag mit dem Datum des Tages der Titel gezogen und verheißungsvoll verkündet. Es sind teils Lindgren-Texte, aber auch welche aus dem Buch „Wirklich wahre Weihnachtsgeschichten“ von Margret Rettich.

Die Lesenden wechseln; es sind auch Konfirmanden darunter. Insgesamt sind 15 Vorleser engagiert.

Es ist schon so etwas wie eine kleine Gemeinde entstanden; in der Regel „haben wir acht bis zehn Zuhörer“; am ersten Abend seien es gar 21 gewesen, erzählt Kathrin von Handorf. Ein hauptamtlicher Mitarbeiter sei stets dabei.

Die Hörer werden auf Wunsch von den Jugendlichen auch in ihren Räumen abgeholt und wieder zurückgebracht. Auch dabei komme es oft zu angeregten Gesprächen, so von Handorf. Insgesamt gebe es schon so etwas wie eine Erwartungshaltung; die Senioren freuten sich nicht zuletzt auf die Abwechslung dieser gemeinsamen Gänge mit den Jungen.

Und was sagt die Jugend? „Es ist ein schönes Gefühl, etwas für die Alten getan zu haben“, befindet Stella, und Julia nimmt diese Begegnungen nicht zuletzt als „sehr interessante Erfahrung“ wahr. Florian und Peter finden das „alles sehr schön und gut“; nicht zuletzt Berührungsängste gegenüber Hochaltrigen verlören sich ganz und gar.

Verändern die Begegnungen vielleich auch die Selbstwahrnehmung, das eigene Existenzgefühl? Ja, antwortet Florian, das eigene Altern, genauer, das einstige Altwerden, sei ihm auf andere, gewichtigere Weise ein Thema geworden. Auch das sei ihm wertvoll an diesem Erleben.