Varel - Sommer 1983: Trampen war für Axel Wiese, Oberstufenschüler des Mariengymnasiums Jever, ein ganz normales Fortbewegungsmittel. So war es für den 17-Jährigen und seinen Freund Oliver völlig klar, in den Ferien in Richtung Süden zu trampen. „Unser Sinn stand nach Freiheit, Abenteuer, fernen Ländern“, erinnert sich der heute 52-jährige Jeveraner.
Start war am 4. Juli 1983 kurz nach 9 die Bundesstraße 69 an der Sander Scharfen Ecke. Mit zwei verschiedenen Mitfahrgelegenheiten kamen die beiden Jungs zunächst bis zur Autobahnraststätte Hasbruch. Dort sahen sie einen 520er BMW mit Münchner Nummernschild und witterten ihre große Chance. Der Fahrer, ein seriös gekleideter Herr um die 40, teilte ihnen mit, dass er nach Hannover unterwegs sei.
Wie Bobby Ewing
Die beiden Jungs luden ihre Rucksäcke ein und los ging’s. „Der Mann erzählte uns, dass er rund um die Welt mit Fleisch handelt, dass er gerade im Oldenburger Land eine seiner Fleischfabriken besucht hätte und tags zuvor aus Südamerika nach Deutschland zurückgekehrt sei“, erinnert sich Axel Wiese, „er erschien uns damals wie Bobby Ewing aus der Fernsehserie Dallas“.
Kurz vor dem Flughafen Hannover fragte er die beiden Jeveraner, wo er sie aussteigen lassen sollte. „Wir müssen wohl recht unwissende Gesichter gemacht haben, denn plötzlich sagte er trocken: ,Dann fliegt ihr halt mit mir’“.
Vor dem Einchecken lud er die Jungs auch noch zum Essen ein. „Da die Flüge bereits für uns pro Person unglaubliche 215 DM gekostet hatten, wollten wir unserem Gegenüber nicht unhöflich und habgierig erscheinen und bestellten jeder eine Dose Cola und eine Pommes, denn wir wollten nicht am finanziellen Ruin unseres Wohltäters Schuld sein“, erzählt Axel Wiese. An der Kasse habe der Wohltäter ein Bündel Hundertmarkscheine aus der Hosentasche gezogen. „Wir mussten es mindestens mit einem Millionär zu tun haben, mutmaßten wir.“
Um 12.45 Uhr hob die Lufthansa B737 ab mit Ziel München und die beiden Jungs erlebten den ersten Flug ihres Lebens. Im Flughafenparkhaus bestiegen sie einen Mercedes und ihr Gönner erzählte ihnen, dass er als Student auch immer getrampt sei und die beste Tramperstelle in München in Richtung Süden kenne. Dort setzte er die beiden Schüler aus Jever ab und verband dies mit der Aufforderung, ihm eine Postkarte zu schicken, wenn sie an der südlichsten Stelle ihrer Reise angelangt seien.
Einmaliges Tramperglück
„Als wir nun an der Autobahn Richtung Salzburg/Innsbruck standen, war es kurz nach 14 Uhr! 850 Kilometer von Sande entfernt, fünf Stunden später, konnten wir unser Glück kaum fassen“, erinnert sich Axel Wiese, „das war einmaliges Tramperglück und wahrscheinlich bis heute ungeschlagener Tramper-Geschwindigkeitsweltrekord“.
Von München aus fuhren sie mit vier weiteren Mitfahrgelegenheiten nach Innsbruck, wo sie die erste Übernachtung eingelegt haben. Am nächsten Morgen standen sie wieder gegen neun Uhr an der Straße in der Hoffnung, ihre Reise wie am Vortag schnell und zügig fortsetzen zu können. Doch nach eineinhalb Stunden hatte noch immer kein Auto gehalten.
Endlich nahm sie ein Bergsteiger aus München mit in einem Saab 99, mit dem es über den Brenner bis nach Bozen ging. Und am Abend waren sie tatsächlich vor den Toren Venedigs angelangt. Auf einem Campingplatz im venezianischen Vorort Mestre schlugen sie für die zweite Nacht ihr Zelt auf.
Die Jungs stellten schnell fest, dass Italien ein teures Pflaster war und beschlossen, statt weiter Italien zu bereisen, nach Jugoslawien auszuweichen. Über Triest ging ihre Reise weiter nach Pula an der Südspitze der Halbinsel Istrien. Hier verbrachten sie die nächsten zehn Tage unter der mediterranen Sonne und erlebten „den Urlaub ihres Lebens“.
Sentimentale Erinnerung
„Heute, fünfunddreißig Jahre später, Oliver ist heute Augenarzt in Köln, und ich bin Studienrat mit den Fächern Deutsch und Geschichte im Ostfriesischen, kommen wir bei jedem Zusammentreffen immer wieder ganz schnell ins Schwärmen über vergangene Zeiten. Und ganz sentimental wird es, wenn wir an diesen unseren ersten Urlaub 1983 zurückdenken“, sagt Axel Wiese, „besser hätte es nicht sein können“.
