VAREL - Gewalt im Sinne des zerstörerischen Übergriffs sieht die Bibel von Anfang an als Grenzüberschreitung gegen Gott, als Zerstörung von Gemeinschaft, Trennung von Gott. Gewaltfreiheit andererseits ist Teil der orientierenden Gebote Gottes, Teil der orientierenden Kritik Gottes an menschlicher Gestaltung; Gewaltfreiheit manifestiert Gott selbst in Christus.
Theologische Reflexion
So lässt sich der Ausgangspunkt einer biblisch-theologischen Reflexion zum Thema Gewaltfreiheit charakterisieren, die Bischof Jan Janssen am Mittwochabend in Varel vortrug. Der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Oldenburg sprach bei einer Vortragsveranstaltung des Friedensforums Varel und der Bürgerstiftung Varel/Friesische Wehde zum Thema „Die andere Wange hinhalten – Biblische Dimensionen der Gewaltfreiheit“ im Lothar-Meyer-Gymnasium. Es handelte sich um die dritte Veranstaltung der Reihe „Gewaltfreiheit ist erlernbar“.
Diese Orientierung, die er im Fortgang seines Vortrags und teils auch im Dialog mit einem großen interessierten Publikum weiter differenzierte und auslegte, ist nach den Worten Janssens durchaus als Anrede an jeden Einzelnen, also „persönlich“, zu nehmen. Das heiße jedoch nicht, dass christlicher Glaube seine authentische Erscheinung in weltferner pietistischer Innerlichkeit oder gar der Beliebigkeit einer Privatreligion habe. Er mische sich ein in die Gestaltung von „Polis“, von Gesellschaft, nicht im Sinne direkter Politik, wohl aber als grundlegende Werthaltung und Orientierung, die entsprechende Politik möglich machen wolle. „Die Gesellschaft braucht solche Lernprozesse; wir müssen sie anbieten“.
Kirchliche Jugendarbeit
Zu solchen Angeboten gehören – so der Bischof – etwa auch die kirchliche Jugendarbeit, der Konfirmanden-Unterricht, die Anleitung, Konflikte im Gespräch zu lösen, die kritische Wahrnehmung von Gewalt oder Tendenzen zur Gewalt. Insgesamt, auch in einem weiteren, sogar globalen politischen Sinn, „setzen Christen auf gelingende Gemeinschaft, darauf, den anderen als Geschöpf Gottes zu erfahren“.
Dieses alles wurde – auch das ein Gewinn dieses bemerkenswerten Abends – in sehr genauer, behutsamer und hoch reflektierter Auslegung von Bibelworten entfaltet, zugleich sozusagen ein schönes klares Lehrstück über die reflexive Kraft protestantisch-theologischen Denkens. Die Bibel sei, so Bischof Janssen, kein Rezeptbuch, dem man unproblematisierte Anwendungen entnehmen könne. Die biblischen Texte mitsamt ihrer großen Interpretationsgeschichte böten „ein Gefüge, in das wir unsere Erfahrungen hineingeben können“; so ergäben sich am Ende wesentliche Orientierungen und Antworten.
