Vechta - Verehrt und gehasst, radikal und für manchen unerträglich, antiautoritär und maßlos, Genie und Nest-beschmutzer: So wurde und wird der in Vechta geborene Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann (1940 - 1975) wahrgenommen. Popstar und Verstörer – zwischen diesen Polen loten die Literaturwissenschaftler Markus Fauser (Vechta), Dirk Niefanger (Erlangen) und Sibylle Schönborn (Düsseldorf) das Werk und die Rezeption des Literaturrebellen aus Vechta aus.
„Brinkmann Handbuch“ ist der spröde klingende Titel eines spannenden literaturwissenschaftlichen Werks, das im Metzler Verlag erschienen ist und für die kommenden Jahre das Grundlagenbuch sein wird, auf das man zurückgreifen wird, wenn man sich mit Rolf Dieter Brinkmann und Schriftstellern seiner Generation auseinandersetzen will.
Moderne und Pop-Kultur
Auf 412 Seiten haben die Brinkmann-Experten alles an Wissen und Interpretationen versammelt und strukturiert, was man über Brinkmann, die Entstehung seiner Lyrik und Prosatexte, und die Pop-Kultur der 60er wissen muss. Der Lesbarkeit halber sind die Beiträge zweispaltig gesetzt, so dass der Lexikon-Charakter deutlich wird. Und in der Tat kann man das Buch auch nach der persönlichen Neugier und springend über den breiten Themenkanon lesen – Brinkmann erschließt sich auch, wenn man das Handbuch von hinten nach vorn liest.
Einem biografischen Abriss (Fauser) folgen Beiträge über Nachkriegsliteratur, Moderne und Pop-Kultur, schließlich zu Brinkmanns Literaturverständnis und zum lyrischen sowie erzählerischen Werk.
Wer die verstörende Wirkung, die von Brinkmanns Werk ausgeht, im zeitgenössischen Kontext als Einstimmung verstehen möchte, dem sei das letzte Kapitel „Wirkung und Editionsgeschichte“ als Einstieg empfohlen. Enno Stahl schildert darin die „Skandalveranstaltung“ 1968 in der Berliner Akademie der Künste, die unter dem Motto „Schriftsteller diskutieren mit Kritikern“ stand.
Die Schriftsteller sind Thomas Bernhardt und Rolf Dieter Brinkmann, die Kritiker Marcel Reich-Ranicki und Rudolf Hartung. Bernhardt weigert sich, neben Reich-Ranicki Platz zu nehmen und verlässt den Saal, Brinkmann setzt noch einen drauf und sagt zu Hartung und Reich-Ranicki: „Wenn ich ein Maschinen-gewehr hätte, würde ich Sie jetzt niederschießen.“
Kritiker beschimpft
Reich-Ranicki hatte Brinkmanns Erstlings-Erzählungsband „Die Umarmung“ übrigens wohlwollend besprochen, im „Spiegel“ war er freilich als untersetzter Gesinnungsunrasierter mit schlaksigem Mundwerk“ bezeichnet worden.
„Brinkmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung“ fokussiert auf einen Schriftsteller im Literaturbetrieb der 60er und 70er Jahre, der entweder überhöht oder abgelehnt wurde. Zur Entmystifizierung tragen die Literaturwissenschaftler dankenswerterweise mit ihrer Fleißarbeit bei.
