VECHTA - Sonnabendabend, kurz nach 20 Uhr. Die dicken schwarzen Vorhänge in der Aula der Hochschule Vechta schließen sich automatisch. Draußen scheint noch die Sonne. Ein störendes Element, wenn sich einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schauspieler den wohl spannungsgeladensten Lyriker deutscher Sprache in einer Lesung vornimmt: Brandauer liest Brinkmann. Das weckt Erwartungen.
Klaus Maria Brandauer liest Rolf Dieter Brinkmann, einen Tag nach Brinkmanns 35. Todestag, nur wenige Tage nach Brinkmanns 70. Geburtstag, in Brinkmanns Geburtsort Vechta. Erwartungsvolle Spannung bei den 400 Besuchern. Plötzlich betritt der 65-jährige Weltstar die Bühne, stürzt sich, ohne das Publikum zu grüßen, auf die Lyrik Brinkmanns, liest 75 Minuten, begleitet vom österreichischen Pianisten Clemens Wenger. Eine kurze Verneigung, dann ist Brandauers Auftritt in Vechta Geschichte.
Ein Schauspieler, der für seine Rolle in Jenseits von Afrika für den Oscar nominiert wurde, setzt sich mit der Lyrik Rolf Dieter Brinkmanns auseinander. Zwei Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwei starke Künstler trafen an diesem denkwürdigen Abend aufeinander. Neun Monate hat sich Brandauer mit Brinkmann beschäftigt, um diesen einmaligen Abend auf Einladung der Rolf-Dieter-Brinkmann-Gesellschaft vorzubereiten. Eine Freude sei es gewesen, wie er im Anschluss an die Lesung dem begeisterten Publikum mitteilte.
Doch Brandauer ist eben Brandauer. Er verleibt sich Brinkmann, den lyrischen Rebellen und Punk, den ersten Popliteraten, einfach ein und überzieht ihn mit einer etwas angestaubten Patina. Anstatt Brinkmanns literarisches Flimmern und seinen Hang, kontinuierlich auf Sendung sein zu müssen, offen zu legen und vielleicht der Frage nachzugehen, welchen Vorbildcharakter die Lyrik und Sprache Brinkmanns in Zeiten von Twitter, Mikro-Blogging, Facebook und Popkultur hat, liest er eben schlicht und einfach Brinkmann. Allerdings eben als Klaus Maria Brandauer.
Und das kann er perfekt. Jeder Faustschlag auf das Pult sitzt, verleiht Brinkmanns Lyrik vermeintlichen Nachdruck. Für kurze Zeit konnte man einem Weltstar beim Arbeiten zuschauen, wie er die bekannte Gestik und Mimik, den bekannten Tonfall in unzähligen Filmen und Theaterstücken antrainiert, auf Brinkmanns Lyrik anwendete. Ein fulminantes Schauspiel, ohne Frage. Brinkmanns besondere Energie, die seine Literatur noch heute versprüht, hat Brandauer jedoch so nicht eingefangen.
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