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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Rolf Dieter Brinkmann: Literatur aus der Kiste als Zeitzeugnisse

15.04.2020

Vechta Ein unscheinbarer Karton mit den frühen Werken im Umfang von mehr als eintausend Seiten aus den Jahren 1957 bis 1960 stand keine fünfhundert Meter vom Wohnort des Verfassers in Osnabrück entfernt, der jahrelang nichts davon wusste.

Brinkmanns Jugendfreundin hat die Prosastücke, die Dramen und fertige Gedichtsammlungen treu aufbewahrt. Jetzt ist alles nach Vechta zurückgekehrt, an den Ort, an dem die meisten Texte entstanden sind. Damit ist passend zu seinem 80. Geburtstag am 16. April das gesamte Frühwerk wieder in Vechta.

Fast einhundert Briefe und Postkarten gingen an Elisabeth Piefke, die später in Köln den ebenfalls aus Vechta stammenden Dr. Klaus Zöller geheiratet hat. Dutzende von Seiten glühender Liebesbekundungen enthalten die Briefe des jungen Brinkmann. Sein Ziel, ein „guter Schriftsteller“ zu werden, verfolgt er ebenso hartnäckig wie er Elisabeth für sich gewinnen möchte. Schon mit den Anreden „Liebe kleine Pivi“, „Elise, Lis, Pivi – Lisabeth my one and only: – tausenderlei Variationen und ich spreche nur zu mir selbst“.

Unerfüllte Liebe

Einmal schmeichelt er, sie sei schöner als Juliette Greco. Deren Konterfei aus einer Illustrierten klebt er auf den Brief und unterzeichnet sein Schreiben wieder einmal undeutlich mit „Rolf“. Denn die flüchtige Schreibung seines Namens soll der Formel ähneln, die er einer Streichholzschachtel entnahm: „Pour le petit roi“.

Ein Souvenir aus den schönen Tagen im Sommer 1957, als sie „gemeinsam Papierschiffe falteten“. Er, der König, wähnt sich gefangen in jämmerlichen Umständen, er, und da zitiert er böse Stimmen seiner Heimat, der „ROI, der doch ein Dorftrottel und Bauer ist“.

Der Notwehrcharakter von Literatur, seine Flucht in die Literatur wird nirgends deutlicher als in den Briefen und Postkarten, die aus Oldenburg nach Vechta gingen. Er klagt über die Arbeit, die Ausbildung in der mittleren Laufbahn, verleibt seinen „Hass auf die ekligen Gestalten“ den Briefen ein. Anstatt zu lernen, beschäftigt er sich mit Trakl, Benn und Bachmann.

Schon nach wenigen Wochen attestiert man ihm „isoliertes, eigenwilliges Außenseitertum“ – ein vernichtendes Urteil aus den Dienstzimmern des Finanzamtes. Gegen Ende, im September 1958, stellt er fest, dass in seinem Leben bisher alles danebengegangen sei.

Aus purer Langeweile versendet er vom Amt aus eine Dienstpostkarte mit plattdeutschem Liebestext: „Mine Leiwe Pivi“. Wieder einmal hat er in Oldenburg bei der Bank vorgesprochen: „Ick hew ok mordsradau mokt! – Dat mäkt nix!“ Bei seiner Großmutter sprach er selber Plattdeutsch. Hier vernehmen wir eine Stimme, die nicht näher an ihrer Heimat sein könnte.

Eine endlose Serie von „Schwermut“ – Gedichten, aber auch Künstlergedichte auf Picasso, Gerhard Marcks, Paula Modersohn-Becker finden sich darunter. Feingewirkte Prosa in reduzierter Sprache, Essayistisches über Musik, Berichte über Platten und Konzerte.

Enthusiastische Sprache

Vor allem aber präsentiert er sich als Experte. Er verschlingt die brandneuen Autoren: Celan, Piontek, Krolow. Sein Sprachenthusiasmus kennt keine Grenzen bei der lyrischen Landnahme.

Möglich geworden sind diese Entdeckungen durch die tatkräftige Hilfe der Stiftung Niedersachsen, der Kulturstiftung der Länder, der Bürgerstiftung Vechta und der Karin und Uwe Hollweg Stiftung. Fürwahr: Eine Entdeckung!

Rolf Dieter Brinkmann– geboren am 16. April 1940 in Vechta, gestorben am 23. April 1975 bei einem Verkehrsunfall in London – gilt als radikaler literarischer Erneuerer. Mit seinen Werken hat er Einfluss auf nachfolgende Lyriker-Generationen im deutschen Sprachraum genommen.

Wichtige Werke: „Acid“ (mit Ralf-Rainer Rygulla), „Westwärts 1 & 2“ und „Rom, Blicke“. Das Werk Brinkmanns erscheint im Rowohlt Verlag.

Das Frühwerk: Vorstellung meiner Hände (mit Gedichten aus Vechta), Erzählungen (mit Prosa aus Vechta), Keiner weiß mehr (Roman), Standphotos. (Gedichte).

Über die Zeit in Vechta bis 1958 informiert Markus Fauser in: Rolf Dieter Brinkmanns Fifties, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2018

Autor dieses Beitrags ist Markus Fauser (60), Professor für Germanistik der Uni Vechta und Leiter der Forschungsstelle Rolf Dieter Brinkmann, über den er auch mehrfach publiziert hat.


     https://bit.ly/3chrh0y 
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