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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Verloren zwischen grauen Türen

23.09.2013

Wilhelmshaven Kein Gott der Welt und kein politisches System legitimieren das Töten von Menschen. Und doch sind es Menschen, die an alldem beteiligt sind. Direkt, indirekt im täglichen Tun oder eben Nichtstun. Mit der deutschsprachigen Erstaufführung von „Die Glaubensmaschine“ hat der britisch-griechische Autor Campbell sein hoch emotionales, weltumfassendes Werk in die Hände der Landesbühne Niedersachsen Nord gelegt. Wie der Premierenabend zeigte: in gute Hände.

Unbequeme Fragen

Aschgraue Türen (Bühnenbild und Kostüme von Herbert Buckmiller) flankieren die Welt von Sophie und Tom. Menschen rennen (um ihr Leben?), den Koffer immer griffbereit. Ein über und über staubbedecktes Mädchen steht bildhaft für Angriff und Zerstörung der Twin Towers. „Flying High“ tönt es aus den Lautsprechern und ist als Wandprojektion zu lesen. „Die Welt muss sich weiterdrehen“. Stoff genug für einen langen Theaterabend.

Nicht für Campbell, er will mit seinen ausgefeilten Charakterstudien und der offensichtlichen Zerrissenheit, die das Positionieren in der Welt mit sich bringt, den Menschen im Kern bewegen. Vordergründig ganz simpel mit einer läppischen Liebesgeschichte und der einfachen Frage: „Wer bist du Tom?“.

Sophie, engagiert gespielt von Anna Rausch, stellt unbequeme Fragen, die der Liebe nicht standhalten. Tom, naiv und fast schon clownesk von Robert Oschmann in Szene gesetzt, weiß es doch selber nicht. Darf er Werbung machen für Medikamente, die illegal an ugandischen Kindern getestet werden?

Auch Sophies Vater Edward, seines Zeichens „Noch-Bischof“, gerät in ein gedankliches Schleudertrauma, ringt mit Gott, dem Glauben und der ablehnenden Haltung der Kirche zur Homosexualität. Mit prophetischer Attitüde verkörpert ein überwältigend aufspielender Johannes Simons den bis ins Mark getroffenen Geistlichen. Sein Glaube ist erschüttert, sein Lebenswerk verflüchtigt sich unter der Sonne Patmos. Dem hat auch die Russin Tatjana, glaubhaft dargestellt von Laura Machauer, nichts entgegenzusetzen. Auch Bruder Patrick, schillernd verkörpert von Piet Moedebeck, schafft es nicht, ihn auf den „rechten Pfad“ zurückzuführen.

Fesselndes Spiel

Edward verliert nach und nach den Verstand, kotet sich ein, es stinkt. „So ist das Leben“. Er wird in einem heroischen Kraftakt von Tochter Sophie im Zuber gewaschen. Tom hingegen bekennt: „Ich bin kein Freund von Scheiße“ und widmet sich wieder seinen „werbewirksamen Geschäften“.

Den jungen Liebenden, in wechselnder Zugehörigkeit, zu denen sich nach der Pause der neue, bodenständige chilenische Freund Sebastian (Sebastian Moske) und die in ihrer Betroffenheit vielleicht zu schön geratene Afrikanerin Agatha (Jane Chirwa) gesellen, gesteht Regisseurin Eva Lange Spielfreiräume ein: Sophie entblößt ganz nach Femen-Manier ihre mit Parolen bemalte Brust. Toms Erkenntnisgewinn wird in einem Satz zusammengefasst: „Nennt mich den verlorenen Menschen“. Ein wenig von dieser Verlorenheit trägt wohl jeder in sich.

„Die Glaubensmaschine“ ist eine intelligente Herausforderung. Und das Spiel auf der Bühne, über zweieinhalb Stunden, ist durchgehend fesselnd und in Verbindung mit den auserwählten Wandprojektionen (Clemens Wolff) ein Fest für jeden dürstenden Geist. Nicht zuletzt auch Verdienst des Chefdramaturgen Peter H. Fliegel. Für den schauspielerisch hervorragenden Gesamteindruck des Ensembles spendete das Premierenpublikum minutenlang stehende Ovationen.


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