Bei einer Pressemeldung spürte ich kürzlich Trauer: Roger Schutz, der Prior von Taizé, wird Opfer einer Kranken, die den 90-Jährigen beim Abendgebet inmitten von singenden Gottesdienstbesuchern ersticht. Frère Roger tritt über 60 Jahre für Versöhnung ein. Ausgerechnet er, ein Friedensstifter und Brückenbauer, wird im Gotteshaus ermordet.
1940 ist Europa im Krieg. Damals beginnt der protestantische Theologe seine Friedensarbeit. Der 25-jährige Schweizer erwirbt in dem französischen Dorf Taizé, das nur 40 Einwohner zählt, für den Wert von zwei Pkws ein Bauernhaus ohne fließend Wasser und ohne Telefon. Schutz will eine ökumenische Bruderschaft in der Nachfolge Jesu gründen, um Versöhnung zu leben. Obwohl er mittellos ist, nimmt er bis 1942 Juden und andere Flüchtlinge auf, um sie vor deutschen Besatzern zu verstecken.
Sie begnügen sich mit Milch, selbst gesammelten Schnecken und Brennesselsuppe. Später muss der Helfer selbst wegen einer Denunziation vor der Gestapo nach Genf entweichen.
Nach 1945 leben drei Brüder in Taizé. Sie kümmern sich um Kriegswaisen und deutsche Kriegsgefangene. Heute leben Fraternitäten in Slums rund um den Erdball ein. Spenden lehnen die 120 Brüder ab, um selbstbestimmt und frei Gott und den Menschen zu dienen. Sie leben Versöhnung unter Verzicht auf Selbstrechtfertigung durch Zuhören, Verstehen, Helfen und Beten. Den Brüdern geht es um Kontemplation und Kampf gegen Elend.
Seit über drei Jahrzehnten laden sie zu internationalen Jugendtreffen ein, bei denen jeder und jede ohne Konfessionsgrenzen willkommen ist. Viele, viele kommen und singen die meditativen Gesänge oft lange mit, es sind kurze christliche Texte, leicht zu behalten und getragen von einer eingängigen Mehrstimmigkeit. Hier kann jede und jeder in der eigenen Sprache einstimmen.
Die Brüder nehmen an ökumenischen Begegnungen in Rom teil. Bei der Totenmesse für den polnischen Papst reichte der heutige Papst dem reformierten Protestanten Roger Schutz die Eucharistie. Ich möchte das als Geste für eine hoffentlich weiterführende Versöhnung der Kirchen sehen.
Prof. Dr. Christine Reents
