Oldenburg - Matthias Kirschnereit setzt sich auf den Klavierhocker, verschraubt die Finger ineinander, dreht die Hände hin und her, richtet lächelnd den Kopf nach oben. Da erkennt man seine Botschaft: Auf dieses Konzert freue ich mich einfach! Im Falle der Musikfreunde-Reihe „Große Pianisten im Kleinen Haus“ wissen die Zuhörer zwei Stunden später: Sie haben sich zu Recht von dieser Freude anstecken lassen!

Man kann bei dieser Matinee die drei Zugaben als Zusammenfassung für die vorher genossene Gestaltungskunst sehen. Da demonstriert Kirschnereit etwa in Debussys „Mouvement“ aus den „Images“ frappierende technische Fertigkeit und Vielfalt. Vor allem aber: Solche Fähigkeiten sind für ihn nur das Mittel, der Musik jene Form zuzuweisen, in der sie in Klarheit, Größe, Offenheit und Wärme aufblüht. Der in Oldenburg als engagierter künstlerischer Leiter der ostfriesischen „Gezeitenkonzerte“ bekannte Pianist ist ein virtuoser Spieler, der es nie bei der Virtuosität bewenden lässt.

Im offiziellen Programm führt der in Rostock lehrende Kirschnereit Mendelssohn (Lieder ohne Worte und die vertrackten Variations sérieuses), Fanny Hensel (zwei Lieder ohne Worte) Chopin (Etüde As-Dur op. 25/1, nachgelassenes Nocturne cis-Moll, Scherzo b-Moll op. 31) und Brahms (3. Sonate f-Moll op. 5). Die kleinen und großen Formen entwickelt er dabei in einem bezwingenden Gleichgewicht von Verstand und Empfindung.

Was die Komponisten preisgeben oder verdecken, das erklärt er zudem in verbindenden Worten. Etwa: Wie fein verschieden die Lieder ohne Worte von Felix Mendelssohn und seiner Schwester Fanny sind. Der Pianist singt sie in größter Natürlichkeit und Einfachheit, ohne Banalität. Er wahrt die romantische Anmut, führt sie aber in erstaunliche Gefühls- und Gedankentiefe.

Vor allem dann die Brahms-Sonate! Wenn Kirschnereit erläutert, dass er in den fünf Sätzen des 20-Jährigen dessen ganzen späteren Lebensverlauf erkenne, dann erklärt das auch seinen Zugang zu dem emotional tiefen und formell komplexen Werk.

In der Rückschau mindern sich mancher Kraftüberschuss und manche dröhnende Verzweiflung. Doch alles bleibt „con gran espressione“ und im Fluss. Dass er die Sonate eher formvollendet gestaltet als sie ungebärdig aufbrausen zu lassen, bekommt ihr gut. Sie behält Gewicht, Gefühlstiefe und Klangfülle im rechten Maß. Drei Zugaben eben. Ein feinsinnig mitreißendes Konzert.