Hannover - Ungeklärte Mordfälle fesseln die Menschen fast immer. Wenn es dann noch um eine Edel-Hure, Männer aus höchsten Wirtschaftskreisen und die Kulisse der biederen 50er Jahre geht, ist das mehr als genug Stoff. So lässt der Fall der 1957 ermordeten Luxus-Prostituierten Rosemarie Nitribitt bis heute die Öffentlichkeit nicht los – nicht zuletzt, weil der Täter noch immer nicht ermittelt ist. Seit ihrem Tod in Frankfurt gab es Bücher, Verfilmungen und Bühnenstücke, nun hat sich auch der Regisseur und Schauspieler Milan Peschel auf den Stoff geworfen. Laut, schnell und poppig inszenierte er am Sonnabend mit „Das Mädchen Rosemarie“ am Schauspiel Hannover ein Stück Zeitgeschichte, das die prüden 50er Jahre in all ihrer Doppelmoral zeichnet.
Das Bühnenbild ist imposant. Zu sehen ist eine Hotellobby, doch die meisten Szenen spielen sich in Hotelzimmern und in Rosemaries Appartement ab – sie werden in Live-Videoeinspielungen auf eine Großleinwand übertragen und machen den Zuschauer zum Voyeur. Mit schnellen Kamerawechseln, viel Geschrei, Gerangel und Sex wirkt das Stück zeitweise wie ein Film. Unterlegt wird all das mit knalliger Musik.
Entworfen wird das Bild einer prüden Gesellschaft, in der breitbeinige Herrenrunden, die sich für keinen schmierigen Witz zu fein sind, das Sagen haben. Frauen sind aus ihrer Sicht fürs Teppichklopfen zuständig – und fürs Bett. Trotz Ehefrau zu Nutten zu gehen, ist für diese Männer so selbstverständlich wie Seitenscheitel und Hornbrille zu tragen und Zigarren zu rauchen.
Als Gegenpart zu dieser doppelmoralischen wie mächtigen Gesellschaft steht Rosemarie Nitribitt, von Juliane Fisch hervorragend verkörpert. Sie will nach oben, und sie ist bereit, ihre Macht über Männer zu nutzen.
In der mehr als 150 Minuten langen Aufführung entstehen viele gelungene Szenen, doch am Ende steht kein wirklich rundes Stück. Denn Peschel will zu viel: Er erzählt nicht bloß den Aufstieg und Tod Rosemaries, sondern versucht gleich auf mehreren Ebenen den ganzen Mythos Nitribitt abzuhandeln. So wirkt das nach Erich Kubys Roman adaptierte Stück insgesamt überfrachtet.
